Leserbrief

Auschwitz - ein anderer Blickwinkel

Es ist unfassbar und schlimm, was in Auschwitz und durch das NS-Regime insgesamt geschehen ist. Ich möchte das Ganze von einer anderen Seite her betrachten. Am Ende des 1. Weltkrieges sind die Monarchien zusammengebrochen. Die politischen Lager waren verfeindet. Gott sei Dank war es trotz allem möglich, in Europa Demokratien zu errichten. Allerdings hatten diese Demokratien ihre "Kinderkrankheiten". Hitler konnte auf demokratische Weise Diktator werden.

Und jetzt kommt mein Konjunktiv: Wären die demokratischen Spielregeln besser gewesen, hätte Hitler nicht an die Macht kommen können, der 2. Weltkrieg wäre uns erspart geblieben und es hätte kein Auschwitz usw. gegeben.

Leider ist die Geschichte anders verlaufen. Und leider sind die demokratischen Spielregeln noch immer fragwürdig und verbesserungswürdig. Die Welt braucht dringend einen Erneuerungsschub für demokratische Spielregeln. Mit demokratisch erstellten Gesetzen können Orban, Erdogan und Co ihre (Allein)Macht aus- und aufbauen. Auch Russland und China bezeichnen sich als Republiken und deren Führer sind "demokratisch" gewählt. Man könnte viele traurige Beispiele aufzählen.
Aber auch bei uns in Österreich erachten wir es als selbstverständlich, dass zwei Parteien in Koalition (sie sind gezwungen, "gegeneinander zu kooperieren") die Macht zugesprochen bekommen, gegen die anderen zu regieren. Es geht also um Machtverhältnisse.

Demokratie bedeutet doch: Alle Macht geht vom Volk aus (so ähnlich steht es in unserer Verfassung). Tatsächlich "darf" das Volk alle paar Jahre eine Partei auswählen und ein Kreuzerl machen - und hat damit die Macht abgegeben. Die Repräsentanten (Vertreter) des Volkes haben dann die Macht, ungeniert auch gegen das Volk zu regieren, zumindest gegen beträchtliche Teile des Volkes (bis zu fast 50 Prozent).

Es braucht die Stärkung des Volkes. Das Volk ist der eigentliche Souverän, die gewählten Mandatare sind "nur" die Repräsentanten! Es braucht die Stärkung der direkten Demokratie. Leider spielt (zumindest habe ich diesen Eindruck) in der Koalitionsvereinbarung zwischen ÖVP und Grünen die direkte Demokratie keine Rolle. Möglicherweise ist die Angst zu groß, Macht abgeben zu müssen.

Verschiedene Parteien vertreten die Interessen verschiedener Bevölkerungsteile. Aufgabe der Mandatare ist es, einerseits die Interessen ihres Bevölkerungsteiles möglichst gut zu vertreten und andererseits aber miteinander so lange gute Lösungen zu suchen, bis ein möglichst großer Konsens erreicht ist. Die stimmenstärkste Partei kann dabei die Führung übernehmen. Wenn ein paar Freunde in einer wichtigen Sache verschiedener Meinung sind, dann suchen sie so lange nach einer Lösung, bis alle damit zufrieden sind. Das ist dann kein fauler Kompromiss, sondern die momentan bestmögliche Lösung für alle. Warum sollte ein solches Vorgehen in der großen Politik nicht möglich sein?

Ich träume von einer Zukunft, in der die Parteien sich nicht als Gegner und Feinde verstehen, sondern miteinander die bestmöglichen Lösungen für die Gesamtbevölkerung suchen. Ich hoffe, dass die dafür nötigen "Spielregeln", die ja schon bekannt sind, verwirklicht und umgesetzt werden. Dann gibt es keine "Macht-Haber" mehr, dann wird sich auch Auschwitz nicht wiederholen. Der beste Schutz ist nicht die Erinnerung, sondern gute "Spielregeln" im Hier und Jetzt.


Matthias Fuchs, 5082 Grödig

Aufgerufen am 30.11.2020 um 03:34 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/auschwitz-ein-anderer-blickwinkel-82757131

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