Leserbrief

Bewahrung des Wertvollen auch ohne Religion

Replik zum Leserbrief "Kürzung der Religionsstunden" von Frau Dr. Rittsteiger vom 1. 10. 2019:

Als Mutter zweier erwachsener, ursprünglich getaufter Töchter, erstaunt mich, dass Frau Dr. Rittsteiger allen Ernstes zu glauben scheint, die katholische Lehre schließe "Diskriminierung und Ausgrenzung aus ihrem Handlungsgut aus". Warum Religion das leider gerade doch tut, haben mich meine Kinder schon im Volksschulalter gefragt. Etwa, warum Frauen keiner Weihe würdig sein sollen; warum sie kein höheres Kirchenamt bekleiden dürfen; warum unverheiratete oder gleichgeschlechtlich Liebende angeblich in Sünde leben; warum andere Religionen unrecht haben; warum die gläubigen Christen ewig leben werden - und wer denn behaupten kann, das zu wissen?

Ich konnte ihnen nichts davon erklären. Also meldeten sie sich vom Religionsunterricht erleichtert ab. Sie begannen selbstständig zu denken, sich für verschiedene Philosophien zu interessieren, über religiöse Mythen zu diskuttieren, zu fantasieren und sich zu amüsieren. Sie wurden belesene, aufgeschlossene, sozial mitfühlende und gebildete junge Frauen.

Frau Rittsteigers große Sorge um die Kürzung des Religionsunterrichts möchte ich deshalb zerstreuen. Außerdem führen gerade heute viele Kinder die von Frau Dr. R. ausgedrückte Angst ad absurdum, dass "wertvolle kleine Persönlichkeiten" ohne religiöse Anleitung "unsichtbar" bleiben. Im Gegenteil: Die "Friday for future"- Schüler und -Schülerinnen folgen keiner autoritären Ideologie. Sie beweisen, dass man zur Eigenverantwortung, zur Achtsamkeit und für die Bewahrung des wirklich Wertvollen im Leben keine konfessionelle Erlaubnis braucht.


Waltraud Prothmann-Seyersbach, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 02.12.2021 um 07:04 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/bewahrung-des-wertvollen-auch-ohne-religion-77189599

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