Leserbrief

Bildungsnotstand beginnt bereits im Kindergarten

Der Fachkräftemangel, der in Pflegeberufen bereits in aller Munde ist, macht sich immer mehr auch in der Kinderbetreuung und -bildung bemerkbar. Gruppenführende Pädagog/-innen in Kindergärten und Krabbelgruppen werden oft nur mehr durch ehemalige Verkäufer/-innen, Frisör/-innen oder Sekretär/-innen unterstützt. Gut so, sonst müssten einige Kindergartengruppen wohl zusperren. Aber wo bleiben die vielen Absolvent/-innen der Bildungsanstalten für Elementarpädagogik und deren angeschlossenen Kollegs? Viele wählen weitere Ausbildungswege und gehen auf Unis oder PH, wo sie eine aussichtsreichere Zukunft erwarten. Die ersten Berufsjahre überstehen aus Frust über die Praxisrealität nur wenige, sodass nur etwa 30 Prozent der Schulabgänger/-innen dauerhaft im Beruf bleiben. Das Berufsbild der Kindergartenpädagog/-in wird zunehmend unattraktiv: Das Anforderungsprofil und die damit verbundenen Belastungen steigen jährlich, während öffentliche und finanzielle Anerkennung sinken. Das neue Salzburger Gemeindevertragsbedienstetengesetz treibt diese Entwicklung nun auf die Spitze. Dank der Landesregierung, des mächtigen Gemeindeverbandes und einer miserablen Verhandlungsleistung der "younion"-Gewerkschaft werden nun allen Kindergartenpädagog/-innen, die in ein neues Dienstverhältnis eintreten (nicht nur den Berufseinsteiger/-innen, wie vielfach fälschlich kolportiert!) sechs Tage ihres als Lohnbestandteil geltenden Erholungsurlaubes gestrichen. Zeitgleich erreichen andere Gewerkschaften für die DienstnehmerInnen ein sattes Lohnplus jenseits der drei Prozent. In Kombination mit nicht zufriedenstellenden Bedingungen in den Einrichtungen (übrigens auch für Kinder!) hat "Kindergartenpädagog/-in" das Potenzial zum Mangelberuf. Mit neuen Ausbildungszweigen, wie der dreijährigen Fachschule zur Kindergartenassistenz, versucht man gegenzusteuern. Sollen wirklich 17-Jährige, selbst noch halb Kind, qualitative Kinderbildung leisten können?
In der frühen Kindheit (0 bis 6 Jahre) passieren die rasantesten und bedeutsamsten Entwicklungsschritte in einem Menschenleben. Kinder brauchen für ihr Recht auf höchste Bildungsqualität belastbare und bestens (akademisch) ausgebildete Pädagog/-innen, kleine Gruppengrößen mit einem niedrigen Betreuungsschlüssel. Pädagog/-innen brauchen attraktive Arbeitsbedingungen, vergleichbar mit Volksschullehrer/-innen, und unterstützende Träger, um Höchstleistungen bringen zu können. Politische Entscheidungsträger steuern hier bewusst - entgegen aller erziehungswissenschaftlichen, entwicklungspsychologischen und neurobiologischen Forschungsergebnissen - auf einen hausgemachten Fachkräftemangel und Bildungsnotstand zu. Dass das Geld für gute Elementarbildung nicht vorhanden wäre, ist wohl ein schlechter Witz?!
Österreich ist und bleibt wohl ein pädagogisches Entwicklungsland!


Karin Hafner, Elementarpädagogin, 5450 Werfen

Aufgerufen am 01.12.2020 um 01:46 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/bildungsnotstand-beginnt-bereits-im-kindergarten-62343352

Schlagzeilen