Leserbrief

Brennende Fragen einer Pädagogin

"I hob a Frage!", würde Jakob aus meiner Kindergartengruppe jetzt sagen. Auch ich habe eine Frage.
Einerseits fordert das Land Salzburg von uns höchst pädagogische Bildungsarbeit, die auf jedes Kind individuell zugeschnitten sein sollte. Auf der anderen Seite aber würden sie uns am liebsten 30 Kinder in eine Gruppe stopfen, da ein großer Mangel an Kindergartenplätzen und Kindergartenpädagoginnen herrscht. Meine Frage nun: Wie genau stellt ihr euch das vor? War jemand von euch schon mal ansatzweise in der Nähe einer Kinderbetreuung?
Liebe Regierung, ihr müsst euch entscheiden, denn beides wird leider nicht machbar sein. Auch nicht für uns liebe, nette "Tanten", die sonst auch jedes Problem aus der Welt zaubern sollten. Ja, auch für uns ist das nicht machbar!
Wir können gern wieder, so wie vor 50 Jahren, 30 Kinder in eine Kindergartengruppe stecken. Ihnen vorgefertigte Arbeitsblätter auf den Tisch schnalzen und ein Programm über alle Kinder stülpen. Dann sind wir jedoch keine Bildungseinrichtung mehr, sondern wieder eine Aufbewahrungsstätte.
Wir können aber auch pädagogisch wertvolle, bildende und für jedes Kind individuelle Arbeit leisten. Das geht jedoch nur mit maximal 15 Kindern in der Gruppe. Dann können wir von einer wirklichen Bildungseinrichtung sprechen und dies auch gewährleisten. Es obliegt ganz Ihnen, liebe Regierung. Aber entscheiden Sie sich!
In den letzten Wochen war unser Berufsfeld viel in den Medien. Und die meisten Leute verstehen meiner Meinung nach nicht, worum es dabei eigentlich geht. Mir ist es komplett egal, ob mir die Osterferien genommen werden oder nicht. Ich habe diesen Beruf nicht gewählt, weil man da "so viele" Ferien hat. Ihr könnt sie mir gerne wegnehmen. Ist okay. Aber eines lernt man schon in frühen Jahren, wenn man sich etwas nimmt, muss man dafür auch etwas geben. Und da habe ich wieder eine Frage: Was bekommen wir dafür?
Es muss definitiv dafür eine Entschädigung geben, da dies mit einer Lohnkürzung gleichzustellen ist. Und das ist taktisch sehr unklug. Es ist unklug, einen Beruf, der ohnehin unattraktiv ist, noch unattraktiver zu machen. Der Mangel an ausgebildeten Pädagoginnen ist derart groß, dass jedes Mal, wenn eine Kollegin bei uns freudestrahlend verkündet, dass sie schwanger ist, unsere Leiterin nur beten und hoffen kann, dass wir sie irgendwie nachbesetzen können. Ansonsten müssen wir das halt wieder irgendwie intern lösen. Doch das zehrt am gesamten Team.
Bitte überlegt euch solche Gesetzesänderungen gründlich. Dies hat mit Sicherheit größere Folgen.
Aber dann ändert man einfach wieder ein Gesetz und dann darf sich einfach jeder, so wie es in Vorarlberg bereits geschehen ist, in eine Kindergartengruppe stellen und so tun, als wäre sie/er eine ausgebildete Kindergartenpädagogin. Traurig und erschreckend, aber wahr.

Sonja Eidenhammer, 5222 Munderfing

Aufgerufen am 22.10.2019 um 07:35 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/brennende-fragen-einer-paedagogin-61191109

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