Leserbrief

Coronakrise: Exit Strategien schon jetzt entwickeln


Die Regierung hat die erste Phase der Coronakrise wirklich sehr kompetent und vertrauenserweckend bewältigt, indem sie zielstrebig und konsequent Maßnahmen gesetzt hat, um die schnelle Ausbreitung des Virus zu bremsen. Damit hat man Zeit gewonnen, um sich im Spitalswesen bestmöglich auf die kommenden Anforderungen vorzubereiten.
Ganz anders sieht jetzt die zweite Phase aus. Hier geht es nicht darum, mit eindimensionalem Fokus auf das Virus dessen Ausbreitung endgültig zu stoppen. Das ist unmöglich, solange nicht ein hoher Immunitätsgrad in der Bevölkerung erreicht ist. Jetzt sind flankierende Maßnahmen zu setzen, um die Schäden, die durch die ersten Maßnahmen ausgelöst wurden, einzugrenzen und abzufedern. Das sind ökonomische Schäden durch das Herunterfahren der Wirtschaft in astronomischer Höhe. Es ist die Gefahr von psychischen Schäden bei Kindern durch die Einschränkung ihrer sozialen Kontakte und ihrer Bewegungsfreiheit. Es sind massive Existenzängste von Unternehmern und Arbeitnehmern, die nicht wissen, womit sie in weiterer Zukunft ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen. Es ist die Überlastung von Familien durch die Verknüpfung von ganztägigem Homeoffice und Heimunterricht der Kinder. Es ist die wachsende Gewalt in den Familien und vieles mehr.

Die Regierung verkündet dazu zwar vollmundig, man werde hier tun "what ever it takes", also "was immer es braucht". Sie hat aber wohl keine Vorstellung davon, was das sein könnte und woher man es nehmen würde. Auch ein Staat verfügt nicht über unbegrenzte Möglichkeiten, wie viele totgesparte öffentliche Bereiche bereits jetzt zeigen. Und bezahlen müssen es letztlich wieder die "kleinen Leute", denn ihr Einkommen und ihr Erspartes sind das Einzige, worauf der Staat zugreifen kann.

Es wird jetzt daher Zeit, dass die Regierung, die derzeit auf das Virus schaut, wie das Kaninchen auf die Schlange, ihren Blick auch auf andere Facetten der Krise ausweitet. Sie muss eine Exit-Strategie entwickeln, mithilfe welcher sie unter entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen die Wirtschaft und auch Schulen und Kindergärten wieder öffnet, um so schnell wie möglich wieder ein einigermaßen normales Leben zu ermöglichen. Tut sie das nicht, wird sie viel menschliches Leid zu verantworten haben, das weit über jenes hinausgehen wird, welches vom Virus direkt verursacht wird.


Dr. Günther Pacher, 9800 Spittal

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