Leserbrief

Das Gefühl, von der "Stadtpolitik" allein gelassen zu werden

Antwort auf den LB "Warum nicht gleich im Geschäft parken?" von Bernhard Helminger (SN vom 27.3. 19):

Herr Helminger, Ihre erste Frage an mich lautete, was eine Buchhandlung meiner Wahrnehmung nach sei, ob ein Geschäft oder ein Museum? Über die Möglichkeit, auch selbst zu antworten, hätte ich mich schon gefreut.
Sie unterstellen mir hingegen, dass ich weder Wahrnehmung noch Wertschätzung hätte - auch für Sie und Ihr Geschäft - weit entfernt! - eine schlimmstenfalls bevorstehende Schließung Ihres Buchladens würde mich sehr treffen. Wozu also noch der Zynismus mit Ihrem Gratis-Parkangebot in Ihrem Lokal?
Wenn's ginge, glauben Sie mir, ich würde mein Auto am liebsten mit hinauf in die Wohnung nehmen, denn die Zeit mit einem guten Buch zu verbringen, ist unwiderruflich wertvoller als die sinnlose Parkplatzsuchzeit - wir wohnen hier, wir werden nicht durchgeschleust oder durchgeschoben in Reisegruppen; wir gehören nicht zu diesen Menschenmengen, die eine Anzahl von Salzburgern und Salzburgerinnen bereits davon abhalten, dem Genussbaumeln oder dem Einkaufsvergnügen in der Altstadt nachzukommen.
Wie es scheint, haben Sie mein Anliegen (und das weiterer Bewohner/-innen der Altstadt) nicht verstanden. Ich bitte Sie, Ihren Ärger also nicht auf diese Sache und schon gar nicht auf mich zu projizieren. Sie sprechen eine Buchliebhaberin an (die bei unserem Umzug ohne Auto nie die rund 5000 Bücher in die eigene Wohnung her gebracht hätte)! Ja, ich sammle sie, brauche sie und möchte sie nicht missen. Viele Stadtbewohner/-innen schätzen sicher auch Buch- und andere aufgeschlossene Händler wie Sie!
Es scheint also, auch Sie fühlen sich allein gelassen von dieser "Stadtpolitik" und würden gerne gehört werden. Ich glaube nur, dass Ihre angriffige Replik auf meinen Leserbrief nicht die richtige Stelle dafür ist. Das wirkliche Problem, das wissen wir doch beide, sind nicht die Autos vor den Auslagen - die sind nur ein vielleicht recht attraktiver Aufhänger - sondern wohl eher das "zeitgemäße" Kaufverhalten der Menschen, Stichwort Internet, das ist doch noch viel bequemer als raus aus dem Haus und von einem Laden zum anderen - wann ich will, wo ich will, was ich will. Und sollte es nicht eher darum gehen, den Prophezeiungen, dass die Zukunft für den Konsum im Internet liegt, die Stirn zu bieten? Durch Umdenken und guten Rahmenbedingungen für alle Beteiligten, damit Einkaufen vor Ort, persönlich und individuell wieder zu einem Vergnügen wird, vielleicht sogar Lebendigkeit ermöglicht.
Warum denken Sie denn, dass wir in die Altstadt gezogen sind? Und wir uns nicht (mehr), wie die meisten Salzburger wohl schon, in den nahe gelegenen Einkaufszentren tummeln, denn dort könnten wir ohne Probleme parken?
Wer kommt denn noch in die Innenstadt, um tägliche Erledigungen zu machen? Wohl am ehesten die, die hier wohnen. Oder sind jetzt doch nur mehr die Touristen wichtig?
Wir Anrainer/-innen brauchen unser Auto leider doch noch hin und wieder, um in unserem Fall täglich zur Arbeit in den Flachgau zu pendeln, an Wochenenden für Ausflüge und weil es doch auch noch andere Wege gibt, die ohne Auto einfach nicht machbar sind. Das Auto gehört eben auch bei der "Spezies Altstadtbewohner/-innen" zu unserem Leben dazu (mal ganz ehrlich: zeigen Sie mir eine annehmbare Alternative für Familien oder einen Arbeitsstandort irgendwo am Land).
Wenn ich von Lebendigkeit in einer Stadt, hier konkret der Altstadt Salzburg spreche, dann meine ich in erster Linie ein leben und leben lassen, ein leben und leben können, ein leben und leben dürfen - und zwar aller, die hier ansässig sind, sowohl derer, die hier wohnen als auch derer, die hier arbeiten.
Sind es echt die Autos in den paar Straßenzügen, die die Wirtschaft, bei Ihnen, oder den Geschäften am Waagplatz zum Erliegen bringen? Ich bezweifle dies stark.
Wenn jeder hier aber nur seine Interessen fokussiert, dann wird es schwierig, und wenn sogar innerhalb einer Interessensgemeinschaft gekämpft wird, dann wird es sogar zerstörerisch.
Um Ihre Frage abschließend zu beantworten: Für mich und meine Familie gehört eine Buchhandlung zu einer lebendigen Stadt - aber eine Stadt ohne Bewohner/-innen ist nicht mehr lebendig.


Mag. Dagmar Baumgartner, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 29.09.2020 um 12:23 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/das-gefuehl-von-der-stadtpolitik-allein-gelassen-zu-werden-68004052

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