Leserbrief

Das Märchen von Hallstatt

Es war einmal ein kleines Salzstädtchen namens Hallstatt, dessen Silhouette sich beschaulich und graziös im gleichnamigen See romantisch spiegelte. Es lebte so vor sich hin mit all seiner bescheidenen Schönheit und Historie, bis man es 1997 zum Weltkulturerbe erkor mitsamt den Bergen drum rum namens Dachsteinmassiv.
Ein paar Touristen wurden aufmerksam, aber der Rummel hielt sich noch in inländischen Grenzen. Das war aber scheinbar nicht genug. Die Werbetrommeln wurden herausgeholt und der kleine Kulturerbeort kräftig in die Welt posaunt. Bis ein Milliardenvolk auf das hübsche Dörfchen aufmerksam wurde und es in sein Programm "Europe in three days" aufnahm.
Dann geschah alles zack, zack, zack. Hallstatt wurde überrollt, überrannt von Touristenschwärmen, die zwar gutes Geld daließen, aber sonst eben nichts außer Abfallbergen und Unrat jeglicher Art. Man war fast drauf und dran, einen vernünftigen Gedanken zu verschwenden, um dies alles einzudämmen. Aber da kam Corona - und plötzlich wurde alles anders. Es kehrte wieder Ruhe ein. Alle Menschen mussten daheimbleiben. Auch die Chinesen, Japaner, Südkoreaner usw. Dann war die Quarantäne vorbei. Nun strömen Österreicher herbei. Nicht zehn oder zwanzig. Nein, hundert, tausend. Sie belegen die Parkplätze. Und wenn die voll sind, werden sie von den Hallstätter Parking Guardians weitergewinkt auf andere Plätze, die geschaffen wurden im engen Tal. Die Einheimischen wollen auch den besonderen Hallstatt-Flair erleben. Denn wenn so viele Chinesen extra mit unendlich vielen Bussen hergekarrt werden, muss der Ort doch was ganz Besonderes sein. Vor der Touristenwelle war Hallstatt fast ein Dorf wie jedes andere. Beinahe niemanden hat es groß interessiert. Dann kam das Weltkulturerbe. Dann die Fernöstler. Jetzt die Österreicher. Bald wird's wieder wuseln wie vor einigen Monaten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kommen sie noch heute. Mit Eintrittsgebühren.

Mag. Sylvia Dürr, 6020 Innsbruck

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