Leserbrief

Das Wörtchen "sozusagen"

Niemand ist davor gefeit. Zumeist befällt das Virus jedoch durchaus intelligente und gebildete Menschen, die sozusagen in der Öffentlichkeit stehen und nicht im stillen Kämmerlein wirken. Menschen, die in ihrem Berufsleben oft von Bühnen aus dozieren, als Interviewpartner höchst gefragt sind, bei Podiumsdiskussion mitwirken - durchwegs als sozusagen eloquente Rednerinnen und Redner gefragt sind. (Bei diesem Gendering fällt mir gerade auf, dass es sich sozusagen vermehrt um ein männliches Phänomen handelt …)
Es verbreitet sich sozusagen pandemieartig. Zum Beispiel in Ö1. Eine hochinteressante Diskussion über Bildungssysteme, Bildungsstrukturen, alternative Bildungsangebote. Ich höre höchst interessiert zu und koche dabei so vor mich hin. (Ich koche mit Leidenschaft, immer.) Noch dazu ist heute unser Hochzeitstag, da kocht es sich sozusagen besonders leidenschaftlich.
Einige Minuten läuft das Multitasking - Kochen und Radiohören - sozusagen friktionsfrei und friedlich vor sich hin. Dann plötzlich. Der Toleranzpunkt ist erreicht. Es geht nicht mehr. Eine sprachempfindliche Wut steigt in mir auf und gefährdet das Gelingen des Hochzeitstags-Menüs. Sozusagen. Ich mag es nicht mehr hören, dieses Wort. Der Herr Universitätsprofessor Doktor Doktor Wasweißichwiederhieß verwendet dieses Unwort wie ein in der Wüste Verdurstender die erste Wasserflasche. (Mein Kochhirn flüstert mir zu: Das ist doch auch unheimlich praktisch, denn es ersetzt sozusagen die wunderbaren, vertrauten Verlegenheitslaute "ääähm", "äh", "mmmh" und klingt um Häuser intellektueller …)
Immer öfter wird es vor lauter Abnutzung schon zu einem "sozsgn" oder "sozsagn", Hauptsache, es kommt so oft wie möglich vor. Mein öliger Kochfinger findet den Ausschaltknopf und aktiviert stattdessen am Laptop "O Magnum Mysterium" von Morten Lauridsen. Die wunderbare Musik dringt versöhnlich an mein Ohr und das Hochzeitstags-Menü gelingt vorzüglich … sozusagen.

Verena Fellinger, Kulturverein Kunstbox, 5201 Seekirchen

Aufgerufen am 17.01.2022 um 10:35 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/das-woertchen-sozusagen-78747637

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