Leserbrief

Der fliegende Lohengrin

Richard Wagner hat seinen "Lohengrin" als romantische Oper bezeichnet. Das Landestheater hat mit ihr auch ein akustisch wunderbares romantisches Geschenk bereitet.
Umso störender waren die manchmal dümmlichen Versuche der Übertragung der geschichtsgebundenen Texte in das Heute durch die Inszenierung. Die Bühne der Felsenreitschule war erfüllt von einem Flugzeugwrack mit zwei großen Sprenglöchern, in denen Solisten und Chor je nach Handlung erschienen und verschwanden. Der Chor musste in dem während der ganzen Oper bis zu den Zuschauern wallenden Rauch und Nebel mit spastischen Windungen auftreten und der ostfränkische König Hein-rich I. aus dem 10. Jh. begrüßte von einer abgebrochenen Tragfläche aus das Volk von Brabant. Lohengrin tauchte in einem Glitzerkleid in einem Loch des Cockpits auf und trat über eine eilig aufgestellte Leiter ebenfalls auf die Tragfläche, auf der ihm später auch sein Brautbett bereitet wurde.
Im Flugzeugwrack erfolgte auch die Trauung mit Elsa, zur Verdeutlichung neben einem beleuchteten Kreuz. Arg erging es Ortrud, die für einige Arien die Maschine von hinten erklimmen und neben dem Seitenleitwerk singen musste. Begleitet von dem ständig herumirrenden Heerrufer folgten weitere ähnliche Regieeinfälle, bis dann der Schwan wiederkam, symbolisiert durch einige Flaumfedern, die Lo-hengrin aus einer Decke ziehen und zu Boden rieseln lassen musste. Der entzauberte Gottfried als Thronfolger für die Herzogswürde durfte oben auf dem Flugzeugrumpf mit einem Papierflieger erscheinen, entschwand aber alsbald wieder in einem Rauch- und Feuerknall, vielleicht als Sarajevo-Reminiszenz gedacht.
Die Solisten, der wunderbare Chor und das exzellente Orchester waren ein rares Erlebnis, die mit Gewalt zeitgenössische Inszenierung sollte man vergessen. Schade !

Dr. Walter Grafinger, 5020 Salzburg

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