Leserbrief

Der Standort bestimmt den Standpunkt.

In seinem Leitartikel "Mehr Arbeitsleid als Arbeitsfreud" (SN, vom 30. 4. 19) bedauert Manfred Perterer, dass die "schönen Seiten der Arbeit" viel zu wenig im gesellschaftlichen Fokus stehen, die politische Debatte zu diesem Thema meist negativ aufgeladen ist. Nun ist gewiss jeder zu beneiden, der in seiner Arbeit alles das findet, was in dem Artikel angeführt wird: "Selbstverwirklichung, Selbstbewusstsein, soziale Kontakte, finanzielle Unabhängigkeit, beruflicher Erfolg" und noch einiges mehr. Allerdings sind das für sehr viele in ihrer konkreten Arbeitswelt unerreichbare Wunschvorstellungen, da bedarf es gar nicht des oft zitierten Beispiels der teilzeitbeschäftigten, alleinerziehenden Supermarktkassiererin. Denn Realität ist etwa eine rasante Zunahme atypischer, prekärer Beschäftigungsformen (Teilzeit, geringfügige Beschäftigung, Leih- bzw. Zeitarbeit, freie Dienstverhältnisse etc.). Damit einhergehend sind ein niedriges, nicht kontinuierliches Einkommen, unkalkulierbare Dauer des Arbeitsverhältnisses, kaum sozialer Schutz, flexible Arbeitszeit auf Kosten der Freizeit, um nur die wichtigsten zu nennen. Dazu kommt das Phänomen der "Working poor", Menschen, die trotz Arbeit unter die Armutsgrenze fallen, die "Aufstocker" bei der Mindestsicherung. Bei allem Jubel über sinkende Arbeitslosenzahlen sollte schon auch die Art der Arbeitsplätze hinterfragt werden.
Doch auch für "Normalbeschäftigte" sind rauere Zeiten angebrochen. Die Jobs sind, soweit nicht im öffentlichen Dienst, durchgehend unsicherer geworden, Robotisierung und Digitalisierung lassen grüßen. Ungesunder Stress bis zum Burn-out ist immer häufiger anzutreffen. Mitarbeiter werden zu Kostenstellen reduziert, die bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit einzusetzen (Stichwort Zwölf-Stunden-Tag) bzw. überhaupt einzusparen sind.
Es sind also bei weitem nicht alle Jobs, die Arbeitsfreude aufkommen lassen. Doch wie so oft im Leben: Der Standort bestimmt den Standpunkt.

Erhard Sandner, 5081 Anif

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