Leserbrief

Der Wolf im Alpenraum

Die Ereignisse der letzten Tage (25 gerissene Schaft im Großarltal, weitere Nutztierrisse im Tiroler Oberland) lassen zurecht die Wogen hochgehen. Die betroffenen Landwirte haben nicht nur den materiellen Verlust zu beklagen, viel schwerer ist, der idielle Verlust zu verkraften. Oft besteht eine sehr starke emotionale Bindung zu den Nutztieren. Es ist wahrlich kein schöner Anblick, welcher sich nach einem Wolfs-Übergriff den betroffenen Bauern darbietet. Hier ist zweifelsohne Verständnis für die Sorgen der Nutztierhalter angebracht.

Zahlreiche Wortspenden zuständiger Lokal-Politiker und Interessensvertreter vermitteln allerdings den Eindruck kollektiver Hilflosigkeit und sind im besten Fall dazu geeignet, die ohnehin aufgeheizte Diskussion populistisch aufzuschaukeln und die Bevölkerung mit völlig unbegründeter Gefahr auch für den Menschen zu verunsichern.

Wiederholt genannte Maßnahmen wie Herdenschutz-Zäune, welche sich in Niedersachsen oder Brandenburg bestens bewähren, sind im alpinen Bereich nur schwer oder gar nicht realisierbar. Der Einsatz von Herdenschutzhunden ist aufwändig und könnte in touristisch frequentierten Gebieten problematisch sein. Den mit Sicherheit besten Schutz vor Übergriffen großer Beutegreifer dürfte wohl ein gut ausgebildeter Hirte mit Begleithund bieten. Dies mag provokant klingen und insbesondere von der Kostenseite betrachtet hinterfragungswürdig erscheinen. Von vornherein fallenlassen sollte man diese Schutzmaßnahme dennoch nicht.

Derzeit wird in Brüssel ein neuer Budgetplan verhandelt. Die Vertreter der Alpenregion im EU-Rat und im EU-Parlament sind gefordert, alles daranzusetzen, die bis dato dominierende Flächen-Förderung der Agrar-Industrie zu reduzieren. Dabei frei werdende Mittel sollen zielgerichtet in die Förderung kleinstrukturierter Landwirtschaft im Alpenraum fließen. Unter diesen geänderten Voraussetzungen sollte es doch machbar sein, die von möglichen Übergriffen großer Beutegreifer betroffenen Nutztierhalter wirksam zu schützen und die hierfür anfallenden Kosten für Hirte und Hund zu ersetzen.

Eine erfolgversprechende Unterstützung der Nutztierhalter im Alpenraum kann nur darin bestehen, ausreichenden Schutz vor Übergriff zu finanzieren. Die derzeit geltende Regelung in Form materieller Entschädigung nach erfolgten Übergriffen ist nicht zielgerichtet.

Wiederholt geäußerte Forderungen nach einem "wolfsfreien Alpenraum" sind populistisch und realitätsfern. Der Wolf hat nun (auch) den Alpenraum für sich wiederentdeckt und findet hier aufgrund des äußerst dichten Rot- und Schalenwild-Bestandes ideale Lebensvoraussetzungen vor. Diese äußerst scheuen Tiere werden sich auch durch gezielte Abschüsse von sogenannten "Problemwölfen" nicht davon abhalten lassen, sich diesen Lebensraum mit uns Menschen zu teilen. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen und für den Schutz unserer Weidetiere geeignete Maßnahmen zu ergreifen.


Ernst Maier, 6395 Hochfilzen

Aufgerufen am 23.10.2020 um 11:30 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/der-wolf-im-alpenraum-73947040

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