Leserbrief

Die ganze Welt brennt

Am Montag Abend stand die Kathedrale von Notre-Dame in Paris in Flammen. Ein über 850 Jahre altes architektonisches Meisterwerk fällt in sich zusammen. Und die Welt ist geschockt. Medien liefern seitenlange Berichte über dieses Ereignis. Menschen aus aller Welt zeigen ihre Trauer über diesen Verlust. Politiker sprechen ihr Mitgefühl für diese Katastrophe aus. Innerhalb von nur wenigen Tagen werden Spenden in Millionenhöhe generiert. Doch brennt die ganze Welt. Zurzeit gibt es auf fünf von sieben Kontinenten bewaffnete Konflikte. Jährlich sterben hunderttausende Menschen an direkten Kampfhandlungen. Hungerkrisen erschüttern die ärmsten Länder unseres Planeten. Allein in Mosambik habe der Zyklon "Idai" mehr als einer halben Million Kleinbauern- und bäuerinnen die Lebensgrundlage genommen. Menschen müssen nach wie vor aus den Krisengebieten dieser Welt flüchten. Menschenhandel und Zwangsprostitution nehmen stetig zu. Die globale Regenwaldvernichtung hat mit 30 Millionen Hektar pro Jahr (Stand 2018) einen dramatischen Spitzenwert erreicht. Berichtet wird darüber zwar immer wieder, in kleinen Dosen zumindest. Doch wo bleibt unser Mitgefühl für all diese Katastrophen? Wo bleiben die Spenden für all die Opfer dieser Tragödien? Es scheint, als würde es uns wesentlich leichter fallen, Mitgefühl für ein Bauwerk in unserer Nähe aufzubringen, als für all die schrecklichen Dinge, die sonst noch auf unseren Planeten passieren. Tagtäglich. Wir klammern uns an die Vergangenheit, statt uns mit unserer Gegenwart und Zukunft ernsthaft zu beschäftigen. Ohne Zweifel ist die Zerstörung von Notre Dame, eines solchen Weltkulturerbes, eine Tragödie. Doch scheint es, als würden wir den Blick außerhalb Europas nicht wagen wollen. Die ganze Welt brennt lichterloh, nicht nur Notre-Dame.

Maximilian Bacher, 5031 Eugendorf

Aufgerufen am 01.11.2020 um 12:18 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/die-ganze-welt-brennt-68936356

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