Leserbrief

Die Illusion von Sicherheit

Das noch nicht rechtskräftige Urteil gegen einen Almbauern nach einem tödlichen Unfall einer Touristin durch eine Kuh sollte jedem zu Denken geben, auf welchen Weg sich unsere Gesellschaft begibt.
Möchte ich weiterhin als Individuum die Freiheit haben, meine Wege, z. B. auf einen Gipfel oder Alm, selbst zu wählen, auch wenn ich dadurch auf einer Kuhweide das Risiko eingehe, von Kühen angegriffen zu werden? Und wie ist es mit meiner Selbstverantwortlichkeit auf der Straße oder dem Gehsteig auf Schnee oder Eis auszurutschen, im Wald von einem Ast getroffen zu werden oder beim Klettern durch einen gelösten Stein?
Oder wünsche ich mir die Sicherheit, dass schon nichts passiert und falls doch, es immer jemanden oder eine Institution gibt, die dafür gerade stehen muss, also mir gegenüber in der Schuld steht? Wann wird es soweit sein, dass Kinder ihre Eltern dafür klagen, dass sie geboren wurden oder was auch immer? Wieso haftet nicht die Regierung, wenn ich auf einer Bundesstraße bei Nässe und Glätte von der Fahrbahn abkomme?
Wir leben scheinbar zunehmend in einer Illusion von Sicherheit, beschäftigen bei Desillusionierung durch ein Missgeschick oder einen Unfall Juristen und Gerichte und verkaufen dadurch unsere Freiheit und unsere Selbstverantwortlichkeit, ohne dafür wirklich etwas zu erhalten. Im Falle des Bauern erfährt nur eine weitere Person samt deren Familie ein weiteres Unglück. Im Gegenzug werden durch die aktuelle Gesetzgebung (Erwachsenenvertretungsgesetz) Menschen mit kognitiven Einschränkungen seit letztem Jahr Freiheit und Selbstverantwortung zugesprochen. Es wird sich erst im Laufe der Zeit weisen können, ob die gewonnene Selbstbestimmung tatsächlich für die Betroffenen ein Segen oder nicht in manchem Fall eine Zumutung und Überforderung darstellt.
In meinem Beruf bedeutet ärztlich-psychotherapeutische Hilfe immer auch Hilfe zur Selbsthilfe. Dies bedeutet im Gegenzug zu einem gewissen Teil Delegation der Verantwortung an den Betroffenen, ganz im Sinne des aktuellen Erwachsenenvertretungsgesetz.
In den Worten der Richterin sollte es also besser heißen: Es ist jedem einzelnen zumutbar, die Konsequenzen seiner freien Handlung zu begreifen und entsprechend selbstverantwortlich zu handeln. Für ein gutes Zusammenleben, die Freiheit des Einzelnen und die Unmöglichkeit, ein sicheres, gefahrloses Leben führen zu können.


Ingolf Bühler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, 5730 Mittersill

Aufgerufen am 20.10.2020 um 01:14 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/die-illusion-von-sicherheit-66488527

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