Leserbrief

Die Leiden des jungen Werner (Kogler)

Das christliche Abendland hat sich am Anfang der Flüchtlingswelle in 2015 als christlich orientierter Kulturkreis erwiesen. Man hat zwar mit der Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge, wie auch mit der Qualität der Versorgung weit übers Ziel geschossen, die Lebensqualität für die einheimische Bevölkerung ist aber deswegen nicht gesunken. Andere - wirtschaftlich schwächere - Länder, halten die Versorgung größerer Flüchtlingsmengen auch aus. Jordanien hat 10 Millionen Einwohner und 1 Million Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Davon spricht aber niemand. Europa hat mehr als 400 Millionen Einwohner. Gemessen am kleinen Land Jordanien, müsste Europa also 40 Millionen Flüchtlinge versorgen können. Wie auch immer, die Barmherzigkeit Europas hat sich schon nach wenigen Monaten in einen egoistischen und wertelosen (wertlosen) Glaspalast verwandelt, der sich mit Mauern und Zäunen vor Hilfe suchenden Flüchtlingen schützen will. Man hat auf Orban (Ungarn) geschimpft, machte es ihm aber dann nach. Jetzt - fünf Jahre später - zeigen sich durch die Initiative von Frau Merkel aber Gott sei Dank wieder ein paar Herztöne. Deutschland will mit Frankreich und Luxemburg Flüchtlinge aufnehmen. Das ist für mich eine wohltuende Nachricht. Es ist auch eine keine Frage wirtschaftlicher Machbarkeit, ob man Flüchtlinge versorgen will, oder nicht, Barmherzigkeit ist ein zentraler Punkt des Christentums und im Übrigen immer möglich. Die österreichische Bundesregierung scheint sich aber unter der eisernen und eiskalten Hand des Bundeskanzlers für einen unbarmherzigen Weg entschieden zu haben, einen Weg, den weder der Koalitionspartner, noch das Volk so will. Man muss die Barmherzigkeit ja nicht so kopflos leben, wie es in 2015 mit der 5*- Maschinerie der Integration geschah, man kann ja dem Beispiel Deutschland folgend, einfach die Ärmsten der Armen aus der Hölle holen und sie in eine einfache und trotzdem menschenwürdige Grundversorgung führen. So viel an Barmherzigkeit kann sich auch ein armes Land, und umso mehr das drittreichste Land der EU (Österreich) allemal leisten. In der Flüchtlingsfrage und offenbar auch in christlichen Grundfragen geht aber ein tiefer Riss durch die Koalition der österreichischen Regierung und es sieht ganz danach aus, dass die Grünen unter allen Umständen an der Koalition festhalten wollen, auch wenn es der Grundhaltung der Basis und der Geisteshaltung der österreichischen Bevölkerung widerspricht. Wenn sich die - inzwischen alles andere als harmonisch wirkende - Koalition aber weiterhin auf lieblich abgestimmte Auftritte und Fotoshootings reduziert, dann besteht die Gefahr, dass die Grünen ihr Gesicht und auch einen Großteil der neuen Wähler wieder verlieren. Dieses Klammern hat - am Beispiel der Flüchtlingsfrage - zwar schon eine extrem unappetitliche Optik, die Grünen sind aber perfider Weise fast gezwungen, die Koalition zu halten, denn ich sehe auf weiter Flur keine passende Alternative für eine neue barmherzige Koalition.

Mag. Karlheinz Stöflin, 9063 Maria Saal

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