Leserbrief

Die Zeit als Chance zur Selbstreflexion nutzen

Nach Beendigung der Krise wird es zu einem enormen Nachholbedarf in der Wirtschaft, im Justiz-, Sport- und Kulturbereich kommen müssen. Die Justiz wird finanziell noch mehr Mittel benötigen als vor der Krise angedacht, weil nicht nur alle vertagten Prozesse, sondern auch der zu erwartende Neuanfall bewältigt werden muss. Die unerwartete Krise bedingte eine Vielzahl von neuen Normen, welche durch die Judikatur zu interpretieren sein werden. Sämtliche Kulturinstitutionen (Museen, Galerien, Theater und Oper) sind nunmehr verstärkt im digitalen Bereich tätig, um die von der Regierung verfügte Schließung ihrer Häuser für die Konsumenten erträglicher zu gestalten. Der führende österreichische Medienexperte Peter Weibel, welcher seit über 20 Jahren erfolgreich das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe leitet, fordert, dass wir lernen müssen, die technische Entwicklung zu kontrollieren, um die Schwächen unserer Systeme, die das Virus aufgezeigt hat, zu hinterfragen. Im Kontext dazu verweist er auf die negativen Effekte der Globalisierung. Die großartige, zum Teil übersteigerte Verpackung der Kulturpaläste auf der ganzen Welt wird sich mangels Besuchsmöglichkeit überholen und kann durch die Digitalisierung substituiert werden.
Beim Nachdenken hat jeder Einzelne die Chance zur Selbstreflexion. Großartig ist in Österreich die Hilfsbereitschaft zwischen den Individuen, vor allem auch von wildfremden Menschen untereinander, sowie der Umgang von Jung und Alt.
Die EU könnte sich ein Beispiel nehmen, um eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Staaten zu erreichen. Der Philosoph Bernard-Henry Lévy spricht als semantische Metapher vom geistigen Virus, gemeint sind die nunmehr geschlossenen Grenzen in Europa.

Dr. Nikolaus Lehner, 1010 Wien

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