Leserbrief

Differenziertes Impfen? Ja bitte!

Ein Blick in Richtung Wissenschaftstheorie sagt: Man unterscheidet zwischen naiver Gläubigkeit, kritischer Sichtweise und blanker Skepsis - vereinfacht ausgedrückt.

Einfach ist die Diskussion um das Thema Impfen jedoch in keiner Weise - und berührt solange nicht wirklich, bis man mit einem drei Monate alten Baby vor dem Kinderarzt steht, der das Wort "Rotavirus" verwendet. Und schwuppdiwupp ist man mittendrin, im Entscheidungsfindungsprozess. Auf genaueres Nachfragen kann mir weder jemand erklären, warum Hepatitis B im Impfplan enthalten ist, noch differenziert unser System zwischen Kindern, die in sozialen Brennpunkten aufwachsen, nicht gestillt werden, fremdbetreut in Krabbelgruppen ganz anderen Risiken ausgesetzt werden als andere. Gewiss, dies riecht nach der Forderung eines 2-Klassen-Impfsystems. Wer aber die Augen vor einer jetzt bereits existierenden 2-Klassen-Medizin verschließt und die Sache nicht zu Ende denkt, ist ebenso nicht zu verstehen wie absolute Impfgegner oder -befürworter. Dass Masern lebensbedrohlich sind, steht außer Frage. Die lapidare Antwort vieler Impfgegner, man müsse das Kind nur fiebern lassen, erfüllt für mich beinahe einen Straftatbestand. Alle Impfkritiker jedoch über einen Kamm zu scheren und mit dem Finger auf sie zeigen, geht völlig am eigentlichen Problem vorbei. Als Mutter eines Kleinkindes war und bin ich kritisch - das ist mein Kind mir wert.

Egal, ob wir uns naiv "unreflektiert-gläubig", "skeptisch-ablehnend" oder "kritisch-unterscheidend" dem Impfen gegenüber verhalten, es scheint ein Strukturmerkmal von uns Menschen zu sein, dass wir nicht umhin können, ein Thema zum Religionskrieg zu erheben, statt den Menschen und seine Sorgen in den Mittelpunkt unser Überlegungen zu stellen.

Dr. Stefanie Trtan, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 30.10.2020 um 06:33 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/differenziertes-impfen-ja-bitte-66478543

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