Leserbrief

Diskussion um die 35-Stunden-Woche

Im SN-Interview vom 9. 3. 2020 mit Herrn Eder (AK-Chef) wird endlich klar ausgesprochen, dass man über das Vehikel "35-Stunden-Woche für das Pflegepersonal" die allgemeine 35-Std.-Woche anstrebt (siehe auch Aussage über die Teilzeitarbeiter). Das kann man gerne tun, vorausgesetzt Österreich tritt aus der EU aus, führt auf alle Importartikel hohe Einfuhrzölle ein und klinkt sich generell aus dem internationalen Wettbewerb aus und lebt und arbeitet so wie vor 60 Jahren. Man muss dann aber auch in Kauf nehmen, dass alle Güter wesentlich mehr kosten als jetzt. Herr Eder hat ja auch betont, dass die Einführung der 40-Std.-Woche keine Probleme verursachte. Er vergaß nur zu erwähnen, dass vor 60 Jahren der internationale Wettbewerb sehr viel kleiner war und wenn, sich dann überwiegend im europäischen Raum abspielte. Billigproduzenten im Nahen und fernen Osten mit 80 Arbeitsstunden pro Woche (Vietnam) waren nur in Spurenelementen vorhanden.

Ebenso hinkt der Vergleich mit Schweden. Manche Branche kann eine 35-Std.-Woche vertragen, vorausgesetzt sie hat eine hohe Produktivität wie z. B. IT. Dies setzt aber auch ein hoch entwickeltes Schulsystem inkl. Universitäten voraus, aber auch in diesem Bereich haben wir hohen Nachholbedarf. Nicht zuletzt da unser Schulsystem von den jeweils regierenden Parteien und nicht von Fachleuten stark beeinflusst wird.

Eine Reduktion der Wochenstunden von 40 auf 35 Stunden bei gleichem Lohn entspricht einer Erhöhung der Arbeitskosten von 14,3% und die 6. Urlaubswoche weitere knapp 2%. Diese höheren Kosten werden international nicht durchsetzbar sein und bedingen daher sehr viel weniger Aufträge für Österreich und dementsprechend Anstieg der Arbeitslosigkeit. Ein klassisches Beispiel für die Auswirkungen der 35-Std.-Woche ist Frankreich mit seiner hohen Arbeitslosigkeit und entsprechenden Sozialkonflikten. Vielleicht sollte Herr Eder sich dort an Ort und Stelle (ich empfehle Vororte von Paris oder Marseille) einmal informieren.
Aus dem ganzen Artikel ist ersichtlich, wie wichtig das Fach "Wirtschaft" schon in der Schule wäre. Dann würde auch die AK realitätsbezogenere Aktionen starten und glaubwürdiger werden. Aber das ist ja ein generelles Problem der Sozialdemokratie.
Im übrigen, wenn jemand nur 30 Stunden arbeiten möchte, dann sollte er die Möglichkeit dazu haben, aber er muss sich auch dann mit dem adäquaten Lohn zufrieden geben und nicht den für 40 Stunden verlangen.

Gernot Waschmann, 5751 Maishofen

Aufgerufen am 17.01.2021 um 04:41 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/diskussion-um-die-35-stunden-woche-84653221

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