Leserbrief

Djokovic und Schranz

All jenen, die jetzt hierzulande mit dem Finger auf Serbien zeigen, weil der dortige Chauvinismus nach dem Ausschluss des Tennisstars Novak Djokovic in Melbourne geradezu explodiert, sei ein Ereignis in Erinnerung gerufen, das sich in den nächsten Tagen zum 50. Mal jährt - und damals wurde mit dem Finger auf Österreich gezeigt. Der Grund war der Ausschluss von Karl Schranz von den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo. Der skifeindliche IOC-Präsident Brundage fand in Schranz den Sündenbock für die Missachtung des (veralteten) Amateurstatus wegen einer Werbung für Kaffee (und einem unglücklichen Interview in einer japanischen Zeitung) und schickte ihn nach Hause. Und was sich hier ein paar Tage später abspielte, ließ einen schon damals die Haare zu Berge stehen. Der "Wolf vom Arlberg" wurde gefeiert, als ob er das Vaterland in der Stunde höchster Gefahr vor dem totalen Untergang bewahrt hätte. Die Politik vom Bundeskanzler abwärts und der ORF zelebrierten ein Hochamt vom Flughafen bis zum Ballhausplatz, dessen Peinlichkeit nicht zu überbieten war und Schranz zum Märtyrer stilisieren sollte. Im Vergleich dazu geht es in Belgrad geradezu harmlos zu, auch wenn Djokovic, seine Familie, seine Berater und die serbischen Politiker jede Menge Unsinn von sich gaben. Vor 50 Jahren hätte es Karl Schranz in den Augen der Bevölkerung wohl umgehend zum Kanzler oder Bundespräsidenten geschafft.

Prof. Joachim Glaser, 5020 Salzburg

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