Leserbrief

Draußen vor der Tür ...

Ein alter Mann geht zum Rabbi, bittet ihn, er solle etwas "klären", und erzählt: Wenn ich gehe zu reiche Leut' und bitt' um Essen, dann krieg' ich einen Teller Suppe vor die Tür gestellt und kann ihn löffeln auf der Straß'n. Wenn ich geh' zu die Armen, dann bitten sie mich hinein an den Tisch und ich kann mitessen von dem wenigen, was sie haben. Rabbi, warum ist das so? Dieser denkt nach und führt dann den Alten an das Fenster, fragt ihn, was er unten auf der Straße sieht. Der alte Mann reagiert verwundert: Ich sehe viele Leut', große und kleine, junge und alte, arme und reiche. Dann geht der Rabbi mit ihm zu einem Spiegel und fragt wiederum. Der Alte antwortet verwundert: Jetzt sehe ich nur noch mich! Darauf der Rabbi: Da hast du die Antwort auf deine Frage. Spiegel und Fenster: Beides ist aus Glas - aber kaum ist Silber dabei, siehst du nur noch dich.
Wir haben in der Zwischenzeit verdammt viel Silber angehäuft in unserem Land. Da klingt dann schnell einmal etwas als "Geschrei" in empfindsamen Ohren. Und wenn es um die Bleibemöglichkeiten von Lehrlingen geht, will man "nicht einmal darüber diskutieren". Pauschalierte Verdächtigungen über "gewaltbereite Migranten" gehen dann ebenso leicht über die Lippen wie die Behauptung, Barmherzigkeit gegenüber ein paar Kindern würde wahre "Migrantenströme" auslösen, und man spricht bewusst nicht von "Flüchtlingen". Unser Bundeskanzler hat gemeint, die Aufnahme unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge sei nichts als "Symbolpolitik". Laut Wikipedia ist "Symbol" ein allgemein wahrnehmbares Zeichen. Setzen wir also ein Symbol als allgemein wahrnehmbares Zeichen der Menschlichkeit, statt nur Container nach "draußen vor die Tür" zu liefern. Bitten wir wenigstens Kinder an unseren Tisch und erinnern uns an die Gastfreundschaft vor mehr als sechs Jahrzehnten (Ungarnflüchtlinge), als wir noch arm waren im Vergleich zu heute.
PS: Ich bekomme oft genug zur Antwort: Arme haben wir selbst genug! Wenn ich dann allerdings frage: "Das stimmt leider - aber wann hast du wenigstens etwas getan für diese Armen?", herrscht oft verlegenes Schweigen.

Wolfgang Radlegger, 5020 Salzburg

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