Leserbrief

E-uropäische U-topie

Zu "Europa ist zu langsam" (SN v. 3. 8.), SN-Interview mit Christoph Leitl:

Der Angst schürende Tenor ist bekannt, Europas Länder müsse man mittels gänzlicher Souveränitätsaufgabe unbedingt und rasch gleichschalten, dadurch zusammen groß und mächtig werden, andernfalls könne man mit China nicht mithalten. Diese Theorie mag oberflächlich betrachtet plausibel erscheinen, die ungeschminkte Realität zeigt anderes:
 Ausgerechnet dem hinsichtlich massiver Umweltzerstörung und beschämender Sozialstandards rasant auf dem Holzweg befindlichen China auch noch hinterherhinken zu wollen, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Europas Stärke bestand immer in seiner großen Vielfalt und Unterschiedlichkeit -- und nicht in einer Einheit, die so schlicht nicht existiert. Ein Portugiese wird vermutlich einem Brasilianer "näher" sein als einem Rumänen oder Finnen. Europa hat nichts Einigendes außer rein geographischer Nähe. Was genau eint etwa Griechen und Iren? Ähnlich in Europa waren sich früher wie heute immer nur bestimmte kleine elitäre Schichten wie der Adel und Klerus, später dann Reiche, Manager, Wissenschafter, Künstler, Schriftsteller und Diplomaten. Der Norden wird nie das Lebensgefühl und den wirtschaftlichen Bezug des Südens verstehen und den Osten verstehen beide nicht. Wenn schon Tschechen und Slowaken nicht zusammen bleiben wollten oder konnten und in Spanien und Belgien keine Einigkeit herrscht, wieso dann verbissen gar 27 und in Zukunft noch mehr europäische Länder möglichst gleichschalten? Wie könnte derart erlangte Größe jemals zu gemeinsamer Stärke führen?


Dipl.-Ing. Stephan Zanzerl, 1200 Wien

Aufgerufen am 18.10.2021 um 11:41 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/e-uropaeische-u-topie-107608447

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