Leserbrief

Ein Grund zum Jubeln?

Die Headline in den SN vom 19. 11. lautete etwas euphorisch: "Kräftiges Lohnplus für die Metaller wendet Streiks ab. Die Gehälter steigen um durchschnittlich 3,46 Prozent."
Diese vorweihnachtliche Frohbotschaft wird zudem auf Seite 12 mit einer Grafik untermauert, welche dieses "Lohnplus" deutlich über der maßgeblichen Inflation zeigt. (Quelle: APA)
Jetzt darf doch bei den Arbeitnehmern endlich Weihnachtsfriede einkehren und es müssen die Sektkorken knallen - oder etwa nicht? Ich melde leise meine Zweifel an. Von einem "Lohnplus" erwartet man sich - allein schon umgangssprachlich - dass der solchermaßen Beglückte mehr im Börserl hat und sich dementsprechend auch mehr leisten kann. Aber wie sieht die Realität aus?
- Der Bruttolohn steigt um 3,46 Prozent - so weit so gut.
- Bevor so viel Gutes aber im Börserl ankommt, wird davon Lohnsteuer fällig (Stichwort: kalte Progression); und zwar gemäß § 33 (1) EStG bei einem Einkommen zwischen 18.000 und 31.000 Euro (die Mehrzahl der Metaller wird sich wohl in dieser (oder einer höheren) Einkommensklasse wiederfinden) immerhin 35%; somit erfolgt von den 3,46 Prozent ein Abzug von 1,21 Prozent; bleiben also noch stolze 2,25 Prozent (den gleichfalls erhöhten Abzug von Sozialabgaben berücksichtige ich dabei gar nicht.
- Jetzt kann der "Lohnplus"-Empfänger endlich einkaufen gehen. Aber siehe da: Die Preise von letztem Jahr sind - welch Wunder - heuer deutlich höher. Und zwar durchschnittlich um 2,2% (harmonisierter VPI; bei Mieten kann's schon etwas mehr sein). (Quelle: http://wko.at/statistik/prognose/inflation.pdf)Und weil's so schön ist, geht die Inflationsprognose für die Jahre 2018 und 2019 auch von einer jährlichen Steigerung des harmonisierten Verbraucherpreisindex von 2,20 Prozent aus. Somit bleiben unserem "Lohnplus"-Empfänger von seinem noch zu erhaltenden Arbeitsentgelt stolze 0,05 Prozent Reallohnerhöhung.
Das ist doch ein Grund zum Jubeln - oder nicht?

Manfred Windberger, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 27.11.2020 um 01:15 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/ein-grund-zum-jubeln-61471774

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