Leserbrief

Eine seriöse, historisch kritische Bibelwissenschaft

Zum Leserbrief von Dr. Kittl, vom 9. 1. 2019:


Als ich den Artikel von Herrn Bruckmoser gelesen habe, ist mir nichts Verdächtiges aufgefallen. Er gibt wieder, was eine seriöse, historisch kritische Bibelwissenschaft seit Jahrzehnten lehrt. Die erste große Volkszählung ist zu einer Zeit belegt, in der Jesus schon fast erwachsen war, somit gab es für die "Eltern Jesu" keinen Grund vor dessen Geburt nach Bethlehem zu reisen. Alles, was die Evangelisten aufschreiben, ist "wahr", auch wenn es sich so nicht ereignet hat. Es geht um Mythen, die in ihren theologischen Aussagen den Stand des Glaubens im ausgehenden 1. Jahrhundert dokumentieren und es ist gut, dass man sie im Gottesdienst vorliest, aber es ist notwendig, sie bibeltheologisch auszulegen.

Denn es gibt nichts Gefährlicheres, als heilige Bücher wörtlich zu nehmen. Das heißt, man kann die Mythen vom angeblichen Mord des Propheten Elia an 450 Baal Priestern oder antisemitistische Texte in der Leidensgeschichte des Matthäus Evangeliums nicht unkommentiert in einem Gottesdienst vorlesen. Erst wenn die Christen radikal die Bilder der Gewalt in ihren Mythen aufarbeiten, können sie das von anderen Religionen erwarten.
Vielleicht haben Sie gehört, dass laut Umfragen ein Drittel der Deutschen glaubt, dass die Weihnachtsgeschichte des Lukas von den "Gebrüder Grimm" stammt. Wie viele Österreicher davon ausgehen, dass sie von Karl Heinrich Waggerl geschrieben wurde, ist mir leider nicht bekannt. Der Artikel von Herrn Bruckmoser trägt jedenfalls dazu bei, dass diese Zahlen nicht steigen.


Generalvikar Martin Eisenbraun, Altkatholische Kirche Salzburg

Aufgerufen am 21.08.2019 um 08:17 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/eine-serioese-historisch-kritische-bibelwissenschaft-64252249

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