Leserbrief

Es gehört zum Leben

Sehr herzlichen Dank an Gastautorin Gudula Walterskirchen (SN, Wochenende, 7.3.). Ich kann alle ihre Aussagen nur voll unterstützen. Herzlichen Dank auch für den Leitartikel am Tag nach dem Urteil, in dem vor den Folgen der Freistellung des assistierten Suizids gewarnt wird. Denn es ist so "trendig", dafür zu sein, dass man "autonom" den Zeitpunkt des Todes bestimmen kann. Ich war sehr geschockt über das Urteil des deutschen Verfassungsgerichts über die Zulassung von professionellen Institutionen zur Beihilfe zum Suizid. Gerade auch, weil ich in meinem Bekanntenkreis mit dem Thema konfrontiert bin und die betreffende Person in verzweifelten Situationen oft sagt, wenn es das gäbe, würde sie es in Anspruch nehmen. Ich sage dann zu ihr: Für mich ist es anders, für mich ist dein Leben wertvoll, solange es dauert, und was mir zugewachsen ist, dafür zu tun, dass es für dich leichter wird, das tue ich nach meinen Möglichkeiten. Es gehört zum Leben. Die Frage, ob das Leben Sinn hat und welchen genau, kann man nicht beantworten und darf man nicht beantworten wollen. Denn wir kennen das gesamte Gewebe nicht. Oder wie der Häuptling Seattle sagte: Der Mensch webt nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. So ist es meine Überzeugung, dass es uns überfordert, das Ende des Lebens bestimmen zu wollen. Wir wissen nicht, welche Möglichkeiten wir dann ausschließen. Viel besser ist es, nach besten Möglichkeiten zusammenzustehen. Und ich danke Frau Walterskirchen, dass sie das auch so sieht. Denn für mich dreht sich die Frage um: Wenn es ein Recht auf Sterben gibt, wie kann ich dann das Recht auf Leben geltend machen? Ich werde wissen, dass meine Pflege Geld kostet - und dann sage ich: Aber ich möchte leben. Und wenn sie dann sagen: Aber was hast du noch davon? Was werde ich antworten? Ich werde mich beschämt und ohnmächtig fühlen. Ich werde wissen, dass es für meine Familie nicht leicht ist, mich zu pflegen. Werde ich sagen: Aber ich will noch leben? Werde ich sie fragen können: Schafft ihr es noch oder soll ich lieber sterben? Oder werden sie die Energie aufbringen müssen, mich zu überzeugen, dass es für sie schon noch gut ist, dass ich lebe. Das auch noch. Was wir bei der Betreuung und Begleitung von Menschen in schwierigen Situationen lernen können und warum das wertvoll für uns ist, ist schwer in Worte zu fassen, aber es ist eine Erfahrung. Es gehört eben zum Leben.

Bernadette Wagnleithner, 6175 Kematen in Tirol

Aufgerufen am 05.12.2021 um 06:21 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/es-gehoert-zum-leben-84647749

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