Leserbrief

Ethikunterricht für alle

Sehr geehrter Herr Bundesminister Faßmann!


Ich unterrichte seit sechs Jahren das Fach Ethik und trete für ein verpflichtendes Fach Ethik für alle Schüler ein. Warum?
1933 wurde im Rahmen des Konkordats mit dem Vatikan die katholische Religion als Staatsreligion verankert. Damals waren etwa 95 Prozent der Österreicher Katholiken, der staatlich finanzierte Religionsunterricht nahm die (nachvollziehbare) Rolle einer Kulturkunde ein. Bis 2017 sank der Katholikenanteil auf 57,9 Prozent. Im Schulbereich ist dieser Prozentsatz aufgrund der starken Immigration heute noch wesentlich geringer. Fazit: Der katholische Religionsunterricht ist zu einem Minderheitenprogramm geworden, auch weil sich sehr viele Schüler ohnehin davon abmelden.
Der Staat hat sich verpflichtet, den Religionsunterricht aller anerkannten Glaubensgemeinschaften zu organisieren und vor allem zu finanzieren. Und davon gibt es inzwischen 16 Stück! An meiner Schule
z. B. Katholiken, Protestanten, Muslime, Alewiten, Zeugen Jehovas. Dies wird organisatorisch zunehmend aufwendiger und teurer. Religion ist Privatsache. Frage: Warum muss der Staat den Bürgern (vor allem den Zuwanderern) deren Privatinteressen finanzieren? Noch dazu, da viele gerade erst aus den Fängen religiöser Fanatiker wie etwa Islamisten in Syrien und Afghanistan geflohen sind.
Österreich ist um Integration bemüht. Ein gemeinsamer Ethikunterricht kann die österreichischen Werte vermitteln und wirkt verbindend.
Die Aufteilung in Religionsgruppen mit unterschiedlichen religiösen Doktrinen und widersprüchlichen Heilslehren spaltet die Gemeinschaft. Der Dalai Lama vertritt die Auffassung, Ethik sei wichtiger als Religion, Mitgefühl wichtiger als religiöse Doktrinen. Er meint, die Religionen haben versagt, denn sie haben es in den letzten Jahrtausenden nicht geschafft, ein friedliches Zusammenleben der Menschheit zu gewährleisten.
Ich denke, er hat damit recht, und hoffe, dass Sie, lieber Herr Faßmann, mithelfen, den Ethikunterricht, der sich als Schulversuch seit 1997 sehr bewährt hat, in den Regelunterricht aufzunehmen - möglichst für alle.

Prof. Mag. Norbert Schier, 6800 Feldkirch

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