Leserbrief

Ethische Kriterien einer Triage

Nachdem man in den letzten Tagen immer wieder von "aufzuschiebenden OPs" liest, weil die Intensivversorgung wegen der vielen ungeimpften Covid-Patienten nicht mehr gewährleistet ist, muss man sich der kritischen Hinterfragung der Triage stellen.Bisher wurde als ethischer Standard immer angegeben, dass es keine Unterscheidung zwischen geimpft und ungeimpft geben darf, weil dies angeblich unbestrittene Ethik sei.
Dabei stellt sich aber doch die berechtigte Frage, welche Ethik diesen Standard festlegt, dass hier keine unterschiedliche Behandlung vorgenommen werden dürfte.
Obwohl dieser Standpunkt in den letzten Tagen auch von den Mitgliedern der Ethikkommission vehement vertreten wurde, möchte ich dennoch nicht einfach akzeptieren, dass dies ein "ehern-gültiges Gesetz der Ethik" sein muss.
In den verschiedenen ethischen Grundsätzen der maßgeblichen abendländischen Philosophen findet sich nämlich auch ein Prinzip vor, dass das Allgemeinwohl vor dem Individualwohl den eindeutigen Vorrang hat. Erst spätere liberalistische Denkansätze setzen das Individuum an die Spitze der Wertepyramide.
In der jetzigen Situation verlassen immer mehr Individuen bewusst die Solidargemeinschaft und schaden durch diese Handlungsweise dem Gemeinwohl.
Daher darf wohl mit Recht die Solidargemeinschaft die bevorzugen, die durch ihr verantwortungsvolles Handeln die Gemeinschaft stärken und ihr nicht schaden, d.h. dass bei der Triage diese Argumente sehr wohl zählen dürfen und nicht mit dem Hinweis auf die "Ethik" abgeschmettert werden muss.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Entscheidungsfälle sehr selten eintreten, aber wer will verantworten, dass ein "Herznotfallspatient" stirbt, nur weil ein "Super-Individualist" seine egoistischen Wertvorstellungen ausleben konnte.

Herbert Dietrich, 4910 Ried

Aufgerufen am 19.05.2022 um 02:21 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/ethische-kriterien-einer-triage-115470715

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