Leserbrief

Forderung nach neuem Wohnbau-Konzept

Großdemos in Deutschland gegen unerschwingliches Wohnen werfen ihre Schatten auch nach Österreich. Dieses Problem brennt auch vielen Menschen hierzulande unter den Nägeln. Wie man liest, will nun die Politik endlich tätig werden. Denn sie hat die Lösung des Wohnungsproblems seit Jahrzehnten weitgehend dem Markt überlassen. Der Markt garantiere das Gemeinwohl, so das Dogma. Diese Lüge funktioniert bis heute deshalb so gut, weil es ein paar gemeinnützige Wohnbauträger gibt, welche die gebetsmühlenartige Anbetung des liberalistischen Marktes ungewollt unterstützen: Sie betreiben einen zähflüssigen, mäßig geförderten Wohnbau, der das Problem nicht wirklich lösen kann. Zumindest konnten sie bis jetzt die Stichflamme rabiater Demonstrationen à la Berlin verhindern, samt absehbarer Folgeerscheinungen, wie die Besetzung leerstehender Wohnungen.
Dabei wäre die Lösung recht einfach.
Das Grundeigentum ist keine heilige Kuh: In der Vergangenheit waren empfindliche Einschnitte verfassungskonform, wenn es um den Bau von Eisenbahnen oder Autobahnen ging. Es hat mir bisher noch niemand erklärt, warum der Bau von Wohnungen unwichtiger wäre, als die Verlegung von Schienen, die Betonierung von Straßen, oder der Bau von 380-KV-Leitungen (mit Sicherheit demnächst in diesem Theater!).
Was ist radikal daran, wenn Groß-Grundeigentum enteignet wird, um die Wohnungsnot zu lindern? Was ist verwerflich daran, börsennotierte Unternehmen zu verstaatlichen, um die Ausbeutung von Mietern zu stoppen? Was ist absurd daran, eine altbackene Grünland-Deklaration mit Hausverstand zu überdenken, um leistbaren städtischen Wohnbau zu starten? Wann sind Mietwohnungen attraktiv? Doch nur dann, wenn sie günstig von der Stadt ohne Gewinnabsicht (also nicht privat mit allen Unwägbarkeiten) vermietet - und zudem verkauft werden, solange es noch einen "Mittelstand" gibt. Warum wendet sich keine Partei von der ur-kapitalistischen Idee teurer privater Miet- und Eigentumswohnungen ab? Wer tritt für kommunalen Wohnbau ein, um privates Spekulantentum zu untergraben? Die Politik hätte die Möglichkeit!
Stattdessen wird ein ewiges Grün-Narrativ gehätschelt - im kleinen Salzburg, das ringsum mit grüner Wildnis gesegnet ist, welche sich in wenigen Minuten per Fahrrad, Bus, Bahn und sogar zu Fuß erschließen und genießen lässt. Statt städtischer Polit-Feigheit wäre es an der Zeit, ein neues Wohnbau-Konzept zu entwickeln, statt, wie derzeit, taktisch herumzueiern.

Dr. Silvester Schröger, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 30.10.2020 um 06:35 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/forderung-nach-neuem-wohnbau-konzept-69266875

Schlagzeilen