Leserbrief

Free Tours: Zur Einhaltung der Vorschriften

Zum Artikel: "Fremdenführer sagen 'Free Tours' den Kampf an" in den SN vom 24. 1. 19:

Ich selbst bin, unter anderem, als Free Tour Guide in Wien tätig und deshalb natürlich sehr interessiert an diesem Thema.
Noch selten habe ich einen solch überraschenden und lehrreichen Artikel lesen dürfen. Man lernt zum Beispiel, dass Google Salzburg offensichtlich ein ganz anderes Ergebnis auswirft als Google Wien. Während in Salzburg offensichtlich massenhaft Free Tour Anbieter angezeigt werden, spuckt Google Wien deren zwei aus. Einer davon beabsichtigt, ab April 2019 tätig zu werden, der zweite ist laut eigener Homepage ein Ein-Personen-Unternehmen und bezeichnet sein Angebot stolz - und laut Google Wien wohl zu Recht - als "The first and only Free Walking Tour in Salzburg". Der Rest entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Reiseführer, die man sich ausdrucken oder auf sein Smartphone gratis herunterladen kann.
Und schaut man noch einmal hin, liest man, dass besagter Einzelkämpfer eine Gruppengröße von maximal 15 Gästen zulässt. Diese Horde von 16 Personen inkl. Guide verursacht also dieses Chaos auf Salzburgs Straßen und Gassen.


Nein, denn wir lesen ja "dass es sich in Salzburg nicht mehr nur um Einzelfälle handelt. An manchen Tagen tummeln sich schon mehr Free- bzw. Hobby-Guides in der Stadt als reguläre Fremdenführer."
Die anderen Anbieter sind also offensichtlich zu blöd, ihre Touren im Internet so zu bewerben, dass sie auch außerhalb Salzburgs gefunden werden. Seltsam, denn es handelt sich ja um "dahinterstehende Organisationen" - das "mafiös" wurde offensichtlich noch im letzten Moment hinuntergeschluckt - die sich auch noch erfrechen von den Guides € 2 pro Teilnehmer zu kassieren. Nun, meine Frau ist in Wien Geschäftsführerin der größten dieser "Organisationen". Sie würde es halt "Marketing Firma" nennen, vermittelt Gäste an Free Tour Guides und kassiert dafür - in Wien übrigens € 2,50, dafür gibt es allerdings auch eine Webseite, die weltweit gefunden wird. Es mag vielleicht überraschen, aber es handelt sich dabei nicht um ein karitatives Unternehmen. Die Firma hat Ausgaben, zahlt Löhne, Steuern, Sozialversicherung und ja, auch die Kammerumlage. Und - noch überraschender - ein bisserl was verdienen wollen die auch noch.
Ist es nicht der eine Free Tour Guide, dann müssen es also die "Hobby-Guides" sein. Und jetzt wird es wirklich interessant: Man sollte annehmen, dass zumindest die Fachgruppengeschäftsführerin der WKO und die Berufsgruppensprecherin der Fremdenführer wissen, dass es sich hier um ein reglementiertes Gewerbe handelt. Dies erfordert die Teilnahme an einem aus mindestens 250 Lehreinheiten bestehenden Kurs, sowie das Bestehen einer dreiteiligen staatlichen Prüfung. Und natürlich wissen sie auch, dass sowohl unser braver Einzelkämpfer, als auch jenes Unternehmen, welches im April beginnen möchte, ausschließlich geprüfte Fremdenführer einsetzt.
Es gibt also keine "Hobby-Guides". Genauso wenig wie es "Hobby-Notare" oder "Hobby-Trafikanten" gibt. Hierbei handelt es sich um eine illegale Tätigkeit. Und anstatt diese Gesetzesbrecher zu überführen, zu bestrafen und loszuwerden, lächelt uns die Fachgruppengeschäftsführerin der WKO aus den SN an und präsentiert stolz eine Diskount Tour um 10 Euro als Antwort. Man kann nur hoffen, dass dies nicht in anderen Fachgruppen Schule macht, sonst gibt es als nächste Schlagzeile: "Zigarettenschmuggel stark gestiegen - Innung fordert drastische Senkung der Tabakpreise."
Ich mag Salzburg sehr und bei jedem meiner Besuche denke ich mir - trotz der gefühlten fünf Regentage pro Woche - wie schön es wäre, hier zu leben.
Was das Berufliche betrifft, bin ich allerdings heilfroh in Wien zu arbeiten. Auch hier gab und gibt es noch immer Kolleg/-innen, die sich nicht mit dem Konzept der Free Tours anfreunden können. Allerdings finde ich hier eine Standesvertretung vor, die objektiv, korrekt und seriös agiert. Die peinlich genau auf das Einhalten der Vorschriften achtet und nicht ihre eigenen (Zwangs)mitglieder öffentlich anschüttet.

Wolfgang Rigon, 1100 Wien

Aufgerufen am 29.11.2020 um 09:05 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/free-tours-zur-einhaltung-der-vorschriften-64871884

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