Leserbrief

Für Demokratie oder ein "Sowjetösterreich"?

Sehr geehrter Herr Flieher!


Zu Ihrem Artikel "Meine Heldin" in der SN vom 5. 3. 19 sind einige kritische Anmerkungen angebracht.


1. Frau Primocic hat sich nie für die westliche parlamentarische Demokratie eingesetzt, sondern als überzeugte Stalinistin für ein Sowjetösterreich. Den Widerstand der KPÖ gegen das autoritäre Regime in Österreich basierte keineswegs auf deren Eintreten für die Demokratie, sondern für die Umwandlung Österreichs in ein "Sowjetösterreich" nach russischem Muster. Man lese nur die entsprechenden Flugschriften sowie die "Rote Fahne". Und dies am Höhepunkt des stalinistischen Terrors, der einfach nicht zur Kenntnis genommen wurde und an dessen Stelle eine Verherrlichung der Sowjetunion und der Rechtfertigung der Schauprozesse und des Terrors trat.


2. Frau Primocic war eine der Agitatorinnen gegen den Marshallplan und die Westintegration Österreichs nach 1945. Im Lagebericht der Salzburger Sicherheitsdirektion für den Monat März 1948 wird festgestellt, dass Frau Agnes Primocic in einer Frauenversammlung der KPÖ "sowohl die Bundesregierung als auch die amerikanische Besatzungsmacht in krassester und gehässigster Weise angriff". Die Agitation der Salzburger KPÖ erfolgte stets in enger Abstimmung mit der Bundesspitze der Partei, die mit allen Mitteln die Annahme des Marshallplans durch die österreichische Bundesregierung verhindern und stattdessen die Umwandlung Österreichs in eine Volksdemokratie sowie deren Integration in den sowjetischen Machtbereich erreichen wollte. So verabschiedete der XIV. Parteitag der KPÖ 1948 eine Resolution, in der es u.a. hieß, es gebe "keine Neutralität zwischen dem amerikanischen Imperialismus und der sozialistischen Sowjetunion, sondern es ist Aufgabe der Arbeiterklasse in Österreich, mit der Sowjetunion zu kämpfen und an ihrer Seite zu stehen." In Gesprächen, die Friedl Fürnberg und Franz Honner im Herbst 1947 mit Vertretern der Sowjetunion führten, wurde offen die Option angesprochen, Österreich zu teilen und im sowjetisch beherrschten Ostösterreich der KPÖ zur Macht zu verhelfen. Am 13. Februar 1948 erklärten Fürnberg und Honner in einem Gespräch mit Andrej Shdanow in Moskau, dass aus der Sicht der KPÖ "eine Teilung Österreichs besser sei als jede andere Perspektive."


3. Die von Frau Primocic bewiesene Zivilcourage während der NS-Zeit ist das Eine, ihr politisches Engagement für eine Sowjetisierung Österreichs (zumindest bis 1955) das Andere. Sie als engagierte Kämpferin für die Demokratie zu verkaufen, ist jedenfalls ein Stück Geschichtsfälschung.


Ao. Univ. Prof. Mag. Dr. Robert Kriechbaumer, 5020 Salzburg

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