Leserbrief

Für die Wahlfreiheit der Eltern

Mütter, die ihre Kinder die ersten drei Lebensjahre zuhause selbst betreuen, bekommen von der Gemeinde monatlich 130 Euro ausbezahlt. Die zwei konträren Standpunkte zu diesem Modell scheinen mir in den beiden Bildern auf der Doppelseite treffend dargestellt: Familien, die das Berndorfer Modell in Anspruch nehmen und Wizanys bissige Karikatur, auf der ein Briefträger einer an den Herd angeketteten Mutter mit Baby die 130 Euro überbringt. Hermann Fröschls in seinem Standpunkt formulierte Forderung nach weniger Ideologie aufgreifend stellt sich für mich im Blick auf die beiden Bilder die Frage nach Ideologie und Wirklichkeit. Als Vater von fünf erwachsenen Kindern weiß ich sehr wohl, dass die glücklichen Gesichter auf dem Familienbild nicht die ganze Wirklichkeit einer Familie darstellen - dass Familie nicht nur Idylle und Kindererziehung nicht nur Honiglecken ist. Aber, so frage ich, ist das Berufsleben reine Idylle und pure Selbstverwirklichung? Beide Mütter geben an, dass sie sich unabhängig von der Unterstützung durch die Gemeinde entschieden hätten, ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr selbst zu betreuen. Die sicher willkommene Unterstützung durch die Gemeinde sehen sie auch als Anerkennung der Elternarbeit. Und ich kenne einige Frauen und Mütter, die diese Jahre der Kindererziehung - bei aller Mühe - "genießen". Damit will ich keineswegs gegen Frauen und Mütter polemisieren, die sich aus Überzeugung oder Notwendigkeit für eine außerfamiliäre Kinderbetreuung entscheiden. Aber Wizanys Karikatur empfinde ich als Verhöhnung jener Frauen, die sich zum Daheimbleiben bei den Kindern entscheiden.
Und warum das Berndorfer Modell nach Ansicht von Gegnern die Wahlfreiheit verhindern sollte, ist mir schlicht rätselhaft. In Berndorf gibt es das Angebot einer Krabbelstube und dem Bericht war nicht zu entnehmen, dass Interessierte abgewiesen werden mussten. Mir scheint, dass das Berndorfer Modell die Wahlfreiheit erhöht oder - bei sehr engen finanziellen Verhältnissen - erst ermöglicht. Abgesehen davon, dass man meines Erachtens auch die Arbeit einer Mutter und Hausfrau als "Arbeit" anerkennen sollte: Ist der Zwang einer Mutter, die ihre Kinder gerne selbst erziehen möchte, zur Berufsarbeit nicht auch ein Zwang? Warum sollten sich nur einkommensstarke Familien von diesem Zwang befreien können?
Natürlich gibt es in Hinblick auf berufliche Karriere oder spätere Pensionsansprüche auch Argumente gegen die Berufsunterbrechung für die Erziehung und Betreuung der Kleinkinder.
Auch dem Disput Familienerziehung kontra Krabbelstube steht nichts entgegen. Aber das Berndofer Modell nimmt ja den Eltern nicht die Entscheidungsfreiheit. Und diese Freiheit der Wahl sollte auch in Zukunft den Eltern überlassen werden.


Dr. Ägid Höllwerth, 5020 Salzburg

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