Leserbrief

Gesellschaft und Bildung in digitalen Zeiten

Die Digitalisierung hält Einzug in die Schulen. Digital und didaktisch aufbereitete, curriculare Lehr- oder Lerninhalte sind jedoch eher noch die Ausnahme als die Regel. Eltern und auch viele Experten fordern, dass die digitale Technologie vor allem für Kinder altersadäquat und mit Augenmaß eingesetzt werden sollte. Ein für deren Gehirnentwicklung förderlicher Lernprozess bedarf unterschiedlicher Sinnesreize und Erfahrungen. Die Neugierde, die Freude am Entdecken, Spielen und Lernen, der kreative Freiraum sind dabei wichtige Kriterien. Nur so formen und festigen sich Verschaltungen (Synapsen) im Gehirn, die für die intellektuelle Entwicklung unabdingbar sind und sowohl kognitive wie auch emotionale Prozesse beeinflussen und steuern.

Digital ist kein Qualitätsmerkmal per se, aber digitale Informationen sind schneller konsumierbar als analoge. Wer im Netz nach Informationen sucht, will zu verschiedenen Themen schnell einen Überblick gewinnen. "Wisch- und Klick-Experten" mögen fließend "Digitalisch" beherrschen, was oft fehlt ist die Fähigkeit, Informationen zu bewerten und kontextuell einzuordnen. Digitale Technologie kann vieles, aber kritisches Denken ist nicht automatisch inkludiert. Viele Menschen kommunizieren freiwillig oder berufsbedingt tagtäglich in den sozialen Medien, in denen diese Informationsflut von Facebook & Co. auf ein erträgliches Minimum reduziert wird. Benutzer bekommen nur die durch Algorithmen gesteuerten, für sie persönlich gefilterten und vermeintlich relevanten Informationen.

Eine besondere Dimension der Anwendung erfährt der Algorithmus im Bereich Big Data. Dank der gestiegenen Rechenleistungen von Computern, können große Datenmengen mithilfe von Algorithmen nach Mustern und Zusammenhängen durchforstet und ausgewertet werden. Der 2020 vorgesehene Algorithmus zur Ermittlung der Arbeitsmarktchancen von Arbeitslosen beim AMS ist ein aktuelles, kontroversielles Beispiel, weil diese Teilanwendung künstlicher Intelligenz (KI) Menschen unmittelbar betreffen könnte.

KI übersteigt die kognitiven und analytischen Fähigkeiten des Menschen, während sie bei sensomotorischer, emotionaler und sozialer Intelligenz noch viel Luft nach oben und definitiv Grenzen haben wird.

Schulen müssen die universell anwendbaren Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen in Verbindung mit Bildungsinhalten der Geistes- und Naturwissenschaften sowie Kunst, Kultur und Sport gewährleisten. Algorithmisches Denken & Informationsverarbeitung sollen dabei nicht als eigene vierte Kulturtechnik, sondern als in spezifischen Bereichen integrierte Querschnittskompetenzen fungieren. Die IT-Revolution wird sowohl die Quantität als auch die Qualität der Algorithmen steigern und dadurch vor allem zentralistischen Diktaturen (China/Russland) einen massiven Vorteil gegenüber demokratischen Gesellschaften verschaffen. Eine Mehrheit der Menschen wird mehr oder weniger hilflos einigen sehr effizienten Konzernen ausgeliefert sein. Nur mutige Insiderspezialisten wehren sich dagegen und fordern weltweite, effektive Regulierungen. Nationale Regierungen, EU oder UNO bemühen sich redlich im Rahmen ihrer - mangels "Know-How"-eingeschränkten Möglichkeiten.

Aldous Huxley hat schon im vorigen Jahrhundert vor einer Weltgemeinschaft gewarnt, in der sich alles um Wissenschaft, Technologie, Effizienz und Selbstoptimierung dreht. Gefühle und Individualität werden schon in früher Kindheit konditioniert. Es gibt kaum nachhaltige Beziehungen, dennoch ist jeder mit jedem irgendwie verbunden. Diese "Schöne Neue Welt", damals noch Utopie, sieht unserer heutigen Welt ziemlich ähnlich und ist inzwischen längst virtuelle Realität.

HR Dir. a. D. Mag. Kurt Riedl, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 21.01.2021 um 11:06 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/gesellschaft-und-bildung-in-digitalen-zeiten-80429386

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