Leserbrief

"Glücklich ist, wer ..." nicht liest, was Musikkritiker schreiben.

Zu "Ein Hochamt lässt der Kühnheit wenig Raum" von Florian Oberhummer in den SN vom 17.8.:

Zugegeben: Ich habe Beethovens Neunte unter Riccardo Muti zu Mariä Himmelfahrt "nur" im Ö1-Radio miterlebt, also nicht in Salzburg. Aber selten habe ich ein solches Hochgefühl an Freude und Begeisterung bis hin zur Ode an die Freude erlebt wie in dieser Radioübertragung, und das Publikum der Salzburger Festspiele schien mir das Gleiche zu fühlen. Ich kann also die Formulierungen des Kritikers - wie die despektierliche Verwendung vom "Hochamt der Neunten Symphonie", sein Missfallen am "homogene[n], weiche[n] Klangbild" des Kopfsatzes, an der "riesenhaften Klangwolke" von Chor und Orchester beim Finalsatz - ganz und gar nicht nachvollziehen. Diese Kritik erinnert mich an eines der vielen Konzerte, die ich im Wiener Musikverein als Studentin auf dem Stehplatz um 1968 erlebte: Die Kritik über die vom Publikum, nicht nur auf dem dicht besetzten Stehplatz, mit ungeheuer begeistertem Applaus bedankte Aufführung von Tschaikowskys Fünfte durch das Hallé-Orchestra aus Manchester unter seinem Chefdirigenten Sir John Barbirolli war "vernichtend", wenn dies bei einem weltweit anerkannten Dirigenten überhaupt möglich war. Da wagte es ein damals namhafter Kritiker - seinen Namen will ich lieber verschweigen - die Musiker als "Promenadenorchester" zu disqualifizieren. - Ich werde unsere Empörung nie vergessen! Bei aller Wertschätzung von Harnoncourts Lebeneswerk war auch dieser Dirigent kein Deus ex machina, der immer alle Musikliebhaber gleichermaßen überzeugt hat, und es müssen daneben andere, ältere oder jüngere Interpretationen gelten dürfen.

DI Dr. Ute Georgeacopol, 1180 Wien

Aufgerufen am 28.09.2020 um 07:49 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/gluecklich-ist-wer-nicht-liest-was-musikkritiker-schreiben-92000962

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