Leserbrief

Gruselführungen auf dem Friedhof

Wien ist um eine Attraktion reicher. Neuerdings kann man Nachtführungen, "Gruselführungen", auf dem Wiener Zentralfriedhof buchen. Das kommt an.
Es müssen sogar Termine eingeschoben werden. Richtig gruselig soll es dabei zugehen. Mich gruselt jetzt schon. Das Angebot ist für Kinder ab 14 Jahren. Die lernen auch gleich etwas dabei: Nicht einmal die Totenruhe ist uns mehr heilig.
Empört bin ich. Empört wende ich mich an meine Kirche - ich bin noch katholisch. Die Kardinals-Sekretärin meint, da müsse ich mich eben an den Zentralfriedhof wenden. Mache ich nicht, denn ich sehe es so, dass die Diözese dafür zuständig ist. Ich frage: Kann man den Währinger Friedhof besuchen? Nur am Tag der offenen Tür. Weil die Totenruhe gewahrt werden muss? Ja, genau!
Wie lang wird der Spuk noch gehen? Wenn es schon keinen Schutz für Menschen gibt, dann vielleicht für Tiere? Wohl auch nicht. Wien ist anders.
An dem Tag, an dem die Perchten kamen, war ich gerade in Gut Aich. Perchten sind nicht meins. Also ging ich in die Kapelle. Da hörte ich etwas flüstern. Ich schaute nach. Es waren zwei Mädchen. Sie hatten sich versteckt. Warum? Sie fürchten sich vor den Perchten. Aber die können doch auch in die Kirche kommen. Nein! Das wissen die. Den Friedhof und die Kirche dürfen sie nicht besuchen. Diese Kinder haben ihre Lektion schon gelernt.
Ich bin eine Betroffene. Meine Vorfahren liegen auf diesem Friedhof.

Dr. Irene Friedrich, 1060 Wien

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