Leserbrief

Gut sein lassen

Durch die Corona-Krise haben Kinder und Jugendliche viele irritierende Erfahrungen hinter sich. Aus der ersten Freude über "schulfrei" wurde es für viele zu Hause beklemmend; sie spürten die Sorgen ihrer Eltern und hatten Mühe, den Schulstoff zu bewältigen.

Wir haben Familien erlebt, in denen Homeschooling, Homeoffice plus Kinderbetreuung auf beengtem Wohnraum zu schlimmen "Überdruck"-Situationen führte.

Kinder können mit außergewöhnlichen Belastungen klar kommen, wenn ein stabiles Umfeld Schutz und Halt bietet. Weil das nicht für alle Kinder zutrifft, werden nicht alle diese Coronazeit als "spannende Erfahrung" gut einordnen können. Rund 20% der Schüler/-innen wurden zeitweilig oder gar nicht erreicht, sondern "abgehängt". Wir haben Lehrkräfte unterstützt, "verlorenen" Schülern/-innen nachzugehen und gestresste Familien auf Hilfsangebote hingewiesen.

Bald gibt es Wiedersehensfreude am Treffpunkt Schule. Nun ist geplant, Defizite bei manchen aufzuholen in Summerschools. Das ist eine gut gemeinte Hilfe, aber wird sie als fair empfunden werden? Während die einen Ferien genießen, verbringen die anderen Sommerzeit mit Nachholen. Kinder und Jugendliche haben ein feines Sensorium für Ungleichheit und ein starkes Bedürfnis nach Dazugehören. Erwiesen ist: Sozialer Stress, Beschämung und das Gefühl von Abgehängt-Sein wirken sich ungünstig auf die psychische Gesundheit von jungen Menschen aus. Das will niemand und sollte im Sinne der Prävention mitbedacht sein.

Schulkinder haben in dieser Zeit viele neue Schlüsselqualifikationen erworben wie Selbstorganisation, Stressbewältigung, Rücksichtnahme. Wir meinen, diese gesunde Leistung ist eine Runde Händeklatschen wert!


Mag. Marietta Oberrauch, akzente Salzburg, Fachstelle Suchtprävention im Namen vieler Netzwerk-Partner/-innen der sozialen und pädagogischen Jugendarbeit im Land

Aufgerufen am 04.12.2020 um 04:00 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/gut-sein-lassen-87372361

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