Leserbrief

Gutes tun ist ansteckend

Vor 14 Tagen: Ich sitze bei einer Besprechung in der Direktion der HAK Hallein. Ein Kollege berichtet von seinem Projekt, Hilfsgüter und Spenden für die Ukraine zu sammeln und diese selbst hinzubringen. Eine Kollegin, die russisch spricht, erklärt sich spontan bereit, ihn zu begleiten. Ich bin schwer beeindruckt von so viel Hilfsbereitschaft und Courage. Ich hätte auch gerne gute Ideen.

Nächsten Tag im Auto: Wie ein Blitz - mir fällt ein, dass in der Schule die Hauswartwohnung frei steht - ideal für eine Flüchtlingsfamilie, aber ohne Möbel, ohne Küche. Der Direktor und Kollegen finden es toll. Nur einer ist dagegen. Worte wie "na geh', blöder Einfall" höre ich. Ich bin sehr demotiviert, denke, dass ich das wahrscheinlich eh nicht schaffe.

Sonntagsmesse: Ich höre mit halbem Ohr über die Versuchungen Christi, unser indischer Pfarrer sagt plötzlich, dass zu uns der Teufel nicht daherfliegt, sondern gute Ideen von anderen abgeschmettert werden mit "na geh', was tuast da des an, so a blöder Einfall!". Mir bleibt die Luft weg. Das galt mir!

Ab Montag überschlagen sich die Ereignisse: Eine mir bisher unbekannte Familie aus Kuchl ruft an und schenkt uns eine schöne Küche samt Geräten, unser Tischler aus Weißenbach, Kuchl, transportiert sie kostenlos, Schüler helfen tragen, ein lieber Freund baut sie zusammen, eine Kollegin bietet einen Tisch an, der Installateur aus Hallein kommt sofort. Es ist wunderbar! Jeder will helfen, fast jeder. Meine Versuchung gibt nicht auf, während er mir beim Aufräumen zuschaut: "Wozu die Wohnung so herrichten, die (Ukrainer) wohnen bei uns doch eh alle im Sheraton oder im Österreichischen Hof, auf Staatskosten"! Das schmerzt, jetzt aber erst recht.

Mag. Edith Wimmer-Vondrus, 5431 Kuchl

Aufgerufen am 27.05.2022 um 08:54 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/gutes-tun-ist-ansteckend-118642483

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