Leserbrief

Halbreifeprüfung


Definition der Zentralmatura laut BmBWF:
"Die Zentralmatura oder auch standardisierte Kompetenz orientierte Diplom- oder Reifeprüfung (..) bringt mehr Fairness, gleiche Bedingungen für alle Maturant/innen und eine leichtere Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse für weiterführende Bildungseinrichtungen."
2020, fünf Jahre nach Einführung: keine Präsentation der vorwissenschaftlichen Arbeit, keine mündliche Matura, eine Stunde länger pro Klausurenphase.
In meinem Freundeskreis (wir alle sind Jahrgang 2016) wird seit diesen Neuigkeiten heftigst debattiert, denn was hat die Matura 2020 mit der standardisierten Zentralmatura gemeinsam?
Kleiner Exkurs: Eine gute Freundin und ich hatten zwischen der schriftlichen Lateinmatura und unserer mündlichen Matura (waren am ersten Tag eingeteilt) knapp zwei Wochen und haben sie mit Bravour gemeistert. Die Mathematura war 2016 eine der schwersten seit Einführung der Zentralmatura. Dieses Jahr wird sie geschenkt sein, weil man den armen MaturantInnen in dieser Zeit nicht mehr zumuten will.
Eine Freundin muss ihre Bachelorprüfung im Juli online machen, viele meiner FreundInnen werden ihren Bachelor dieses Semester gar nicht abschließen können, sondern erst im Herbst bzw. Winter. Was spricht also dagegen, die Matura in ihrem vollen Umfang erst im August, September über die Bühne zu bringen? Die StudentInnen, die im September einen Mastergang begonnen oder schon einen fixen Job gehabt hätten, müssen diese Pläne auch verschieben. Wir sitzen nun mal alle im gleichen Boot, warum sollen manche Extrawürste bekommen?
Wenn SchülervertreterInnen nun aufheulen und mit ihren Argumenten "wir haben keine Vorbereitungszeit", "man kann uns doch nicht zumuten, ALLES zu machen" und "unsere Gesundheit wird gefährdet", kann ich nur sagen: Ein Maturus/a sollte nach zwei Monaten extra Zeit zum Wiederholen und Vorbereiten jede Prüfung der Matura meistern können, ansonsten sollte man keine volle Reife erlangen. Die zu Bemitleidenden sind die Klassen danach, weil sie sich den Stoff von mindestens zwei Monaten, welchen sie noch nie gehört haben, selbst aneignen müssen.
Letztendlich habe ich trotzdem Mitleid mit den MaturantInnen, die bereit wären eine vollwertige Matura zu schreiben. Sie müssen damit zurecht kommen, dass sie der Jahrgang sein werden, der nur die halbe Reife erlangt hat. Zudem werden sie nie den Stolz nach dem souveränen Abschluss der Schulbildung verspüren, der ein wichtiger Meilenstein in unserem Leben ist.

Lisa Vesenmayer

Quelle: SN

Aufgerufen am 03.12.2020 um 03:00 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/halbreifepruefung-86065999

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