Leserbrief

Hitlers Geburtshaus ist aus der Entstehungsgeschichte unserer modernen österreichischen Nation nicht wegzudenken.

Das österreichische Innenministerium beweist, dass man selbst dann in jedem Problem einen Nagel sehen kann, wenn man gar keinen Hammer hat. Anders ist der kuriose Vorschlag des Innenministeriums überhaupt nicht zu erklären, Adolf Hitlers Geburtshaus durch die Entfernung sämtlicher historischen Bezüge und Mahnsteine zu "neutralisieren". Quasi eine Auslöschung.

Die einzig sinnvolle "Neutralisierung" im Zusammenhang mit Hitler - um im Special Operations-Jargon des Innenministeriums zu verbleiben - ist dem tapferen Kunsttischler Georg Elser vor 80 Jahren leider missglückt. Hitler hatte den Münchner Bürgerbräukeller bekanntlich 13 verdammte Minuten vor der Explosion verlassen. Will sich das Innenministerium jetzt mit dem Mut der Spätgeborenen an dessen Geburtshaus schadlos halten? Den Lauf der Geschichte wird es damit nicht mehr ändern, nur verfälschen.

Hitlers Geburtshaus ist - anders als etwa Mozarts Geburtshaus - aus der Entstehungsgeschichte unserer modernen österreichischen Nation nicht wegzudenken. Erst aus einer historischen Zäsur heraus konnte nach den Selbstzweifeln der Ersten Republik die Überzeugung entstehen, wir Österreicher wären doch keine - erst besseren, dann gerne auch schlechteren - Deutschen. Es bedurfte eines massiven Zerwürfnisses, um die endgültige Trennung der Deutschen und Österreicher nicht nur in zwei Staaten, sondern in zwei voneinander unabhängige und sich gegeneinander abgrenzende Nationen herbeizuführen. Ursache dieses Zerwürfnisses war die gemeinsame Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Dessen Konsequenz war der Wiederaustritt Österreichs aus der deutschen Geschichte. Es ist nicht abwegig, die Entstehung der modernen österreichischen Nation auf den Winter 1942/43 zu datieren und mit der Niederlage von Stalingrad anzusetzen.

In Braunau steht nicht nur die Wiege Hitlers, sondern auch die Wiege unserer modernen österreichischen Nation. Man kann es mit Augustinus auf Latein sagen: "Inter faeces et urinam nascimur." Oder man kann mit Ingeborg Bachmann meinen, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar sei, und das Ganze ins Deutsche übersetzen: "Zwischen Kot und Urin werden wir geboren."

Österreich ist in den letzten 75 Jahren wie Deutschland einen sehr weiten Weg gegangen. Was soll Österreich denn sonst sein, wenn nicht die Antithese zum Dritten Reich? Die Einrichtung einer Polizeidienststelle in Hitlers Geburtshaus ist gut, die Einrichtung einer Polizeiausbildungsstätte noch besser. Aber jeder Auslöschungsversuch wird scheitern. Hitlers Geburtshaus wird bleiben. Und wenn sie es schleifen.

Mag. Richard Müller, 5204 Straßwalchen

Aufgerufen am 23.11.2020 um 11:10 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/hitlers-geburtshaus-ist-aus-der-entstehungsgeschichte-unserer-modernen-oesterreichischen-nation-nicht-wegzudenken-88669534

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