Leserbrief

Ich habe einen Albtraum - Zu HC Straches Video

Leserbrief zu HC Straches Video:

Seit ich das Weihnachts-Werbevideo von HC Strache gesehen habe, in dem er als Quasi-Christkind der Familie Huber die Stille schenkt, plagen mich Albträume.
Ich träume, dass ein Jahr vergangen ist. Familie Huber lebt jetzt nicht mehr in einem modernen Einfamilienhaus. Frau Huber ist in Mutterschutz, ihr Mann arbeitslos. Weil sie die Rückzahlungsraten für ihr Haus nicht mehr bezahlen können, wohnen sie jetzt in einem Wohnblock und sind meine Nachbarn.
Vorher lebte hier eine Frau, die aus Bosnien stammt. Sie hat 30 Jahre lang in Österreich als Putzfrau gearbeitet, bis sie einen Bandscheibenvorfall hatte und arbeitslos wurde. Mit ihren 55 Jahren hat sie keinen Job mehr gefunden. Von der Mindestsicherung bekommt sie nur zwei Drittel, weil sie die Deutschprüfung nicht bestanden hat. All die Jahre haben ihre mangelnden Deutschkenntnisse sie nicht am Arbeiten gehindert, aber jetzt bekommt sie deshalb nur 563,- Euro monatlich. Sie versucht vor dem Supermarkt Straßenzeitungen zu verkaufen. Abends geht sie zu einer Notschlafstelle.
Über mir lebt seit zwei Jahren ein Ehepaar, ich höre sie oft streiten. Die Frau geht meist mit gesenktem Kopf durch den Flur, doch ich bemerke trotzdem die Spuren von Schlägen in ihrem Gesicht. Ins Frauenhaus kann sie nicht flüchten, denn das musste zusperren, nachdem die Regierung die Förderungen gekürzt hat.
Meine andere Nachbarin - eine Österreicherin, die mit einem Serben verheiratet ist - höre ich jede Nacht vor Verzweiflung schluchzen. Ihr 18-jähriger Sohn mit serbischer Staatsbürgerschaft wurde nach Serbien "rückgeführt", obwohl er in Salzburg geboren und aufgewachsen ist. Er ist straffällig geworden und darf nun nicht mehr in Österreich leben, obwohl das seine Heimat ist und er nicht einmal Serbisch spricht.
Wenn Frau Huber mit ihrem Baby bei der Kinderärztin war, erzählt sie mir danach immer von den Bettlern und Bettlerinnen, denen sie in der Stadt auf Schritt und Tritt begegnet. Die meisten haben Namen wie Huber und Maier und sind österreichische Staatsbürger/-innen, Alleinerziehende mit mehreren Kindern und andere Menschen, die von den Sozialleistungen des österreichischen Staates nicht menschenwürdig leben können.
Frau Huber betet jeden Abend, dass ihr Mann wieder Arbeit findet, bevor er nur mehr die Mindestsicherung bekommt.
Ich wache schweißgebadet auf und kann es nicht fassen, dass HC Strache uns diese neuen bzw. geplanten Gesetze, die all das bewirken, tatsächlich als Weihnachtsgeschenk "verkaufen" will.
Was mir aber seither am meisten den Schlaf raubt, ist das laute Schreien meines Gewissens. Es sagt mir ständig, dass ich da nicht einfach nur zuschauen darf. Aber was kann ich tun?


Monika Wölflingseder, 5102 Anthering

Aufgerufen am 28.10.2021 um 05:37 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/ich-habe-einen-albtraum-zu-hc-straches-video-63149119

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