Leserbrief

Ich würde so gern ein/e Österreicher/-in sein (dürfen)

Eine mittelgroße Gemeinde im Land Salzburg, wie so viele andere Gemeinden in ganz Österreich, hat ein Jugendzentrum. Ich vermute, viele der Sozialarbeiter/-innen und Jugendarbeiter/-innen, die in der offenen Jugendarbeit tätig sind und österreichweit einige 100.000 Kontakte mit Jugendliche im sozialpädagogischen Setting haben, kennen folgenden Dialog. Ich höre ihn unverändert seit 20 Berufsjahren.

"Sie arbeiten ja im Jugendzentrum". Ja." "Habt's ihr immer noch so viele Ausländer, ihr habt's ja so viele Ausländer?" Auf meine Antwort: "Wir haben ausländische Jugendliche, aber die meisten, die uns besuchen, sind österreichische Staatsbürger." "A geh, sie wissen schon, was i man."

Wie schwer ist es in Salzburg für Jugendliche, das Gefühl zu haben, akzeptiert zu sein? Das Fremdsein wird an Hautfarbe, Religion, Geschlecht, am sozialen Status der Eltern, an einer Zweitsprache, die diese Jugendlichen neben dem österreichischen Deutsch und deren bunte Dialekte sprechen, aber auch durch den aktuellen politischen Dialog auf Ministerebene festgemacht. Auch als österreichischer Staatsbürger bleibt man der Fremde, der Ausländer.

Übrigens geht es auch umgekehrt. Fernsehübertragung Fußballeuropameisterschaft Qualifikation im Jugendzentrum. Österreich gegen Nordmazedonien. Oton eines Jugendlichen: "Die österreichische Nationalmannschaft is jo eh nur so guat , wei lauta Ausländer spüen. Alaba, Arnautovic, Dragovic, Zulj, Lazaro, voi unfähr." Menschen mit dieser Hautfarbe, mit diesen Namen können ja keine Österreicher sein?

Ich möchte so gerne ein Salzburger sein, aber ich bleibe immer der Ausländer. Diese Alltagsdiskriminierung, ein subtiler gedankenloser unreflektierter Umgang mit Jugendlichen, eine Zuordnung des Fremdseins, das sich von der Volksschule bis weit in die Berufslaufbahnen hinein zieht, verändert die Einstellung zu diesem Staat. Wie singt Maria Bill: "I möcht so gern landen, flieg aber immer an deine Scheibn."


Michael Schmeikal, 5084 Großgmain

Aufgerufen am 24.09.2020 um 05:36 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/ich-wuerde-so-gern-ein-e-oesterreicher-in-sein-duerfen-92647564

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