Leserbrief

Im Vertrauen für das, was noch kommt

Das Leben ist zu kurz, um Vermutungen anzustellen, was danach kommen könnte."
Das Interview mit Herrn Santner und Herrn Steinwender in den SN vom 11. Dezember, hat mich zu folgenden Gedanken veranlasst: Glaube hat für mich etwas mit Vertrauen zu tun. Mein Glaube beschäftigt sich nicht so sehr mit dem, was kommen könnte, denn das kann ehrlicherweise niemand wissen. Vielmehr hilft mir mein Glaube, mein "jetzt und hier" einzuordnen und zu bewältigen und mich als Mensch weiterzuentwickeln, mir selbst näher zu kommen, Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen für das, was noch vor mir liegt.

Im Interview beklagen Sie, Herr Steinwender, dass der Glaube "ordentliches Wissen" und das allen zugänglich sein sollte. Zum Wesen des Glaubens gehört es vermutlich, dass man nicht über ihn verfügen kann, wie über Wissen, das man nachschlagen kann bzw. über angelerntes Wissen. So habe ich es in meinem Leben oftmals erfahren, er ist ein Geschenk. Ich vermag nicht zu beurteilen, weshalb es Ihnen trotz ihres redlichen Mühens verwehrt geblieben ist, glauben zu können. Vielleicht liegt ja Ihre Bestimmung darin, mit Ihrer Position der Stachel im Fleisch derer zu sein, die sich in ihrem Leben von einem Glauben getragen wissen.

Entschieden widersprechen muss ich Ihnen jedoch in Ihrer Überzeugung, dass man Kinder "füttert mit dem, was sie denken und an wen sie glauben sollen". Ich vermute mit "man" meinen sie den schulischen Religionsunterricht. Aus meiner Erfahrung als Religionslehrerin kann ich diese Vorstellung vielleicht zurechtrücken. Der Religionsunterricht will die Heranwachsenden nicht füttern oder überzeugen, sondern ermutigen eine religiöse Kompetenz zu entwickeln um sich mit dem eigenen Leben und seinen großen Fragen zu beschäftigen. Die Antwort auf die Fragen des Lebens muss jedoch jeder Mensch für sich selbst finden. Religionen bieten Antwortmodelle, die Menschen bei der Bewältigung ihrer Lebensaufgaben helfen können. Kinder und Jugendliche werden aber wohl auch gelebten Glauben begegnen sei es in ihren Familien oder in ihrem Umfeld, oder aber auch auf das völlige Fehlen solcher Vorbilder. Wertfrei im Sinn von "glauben oder nicht glauben" ist Erziehung jedenfalls nie.

Was die Frage nach dem Leid in der Welt betrifft, so schließe ich mich der Überzeugung von Herrn Santner an, wonach viel Leid den Auswüchsen der menschlichen Freiheit geschuldet ist. Aber in meiner Vorstellung ist diese Freiheit nicht auf menschliches Handeln beschränkt. Sie ist ja auch in der Natur zu finden. Nicht alles was ins Leben kommt ist automatisch gesund - leider.

In meinem Leben habe ich jedoch erfahren dürfen oder müssen, dass Gott mich in meinem Leid nicht allein gelassen hat. Daraus habe ich Hoffnung und Zuversicht schöpfen können und bin hoffentlich gewappnet mit Vertrauen für das, was noch kommt.

Rosemarie Grabner, 5400 Hallein-Rif

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