Leserbrief

Ist die Gesellschaft am Ende?

Die Digitalisierung lehrt uns: Wer mit der sich rasant verändernden Welt Schritt halten will, der muss sich selbst ändern und vielleicht alt gewohnte Verhaltensweisen über Bord werfen.

Der Mensch fürchtet sich vor Veränderung. Daher hält er krampfhaft an althergebrachten Verhaltensmustern fest und grenzt all jene aus, die nicht in das gewohnte Schema passen und so mutig sind, anders zu sein. Besonders Verhaltensmuster in kleineren Gemeinschaften neigen dazu, Abweichler abzulehnen, sie auszugrenzen und ihren Ruf durch den Dorftratsch (meist sind es immer die gleichen Dorfratschen) zu schädigen, damit diese "Störenfriede" in der Versenkung verschwinden und alles beim Alten bleibt; das gibt Sicherheit. Dies führt dazu, dass eine Gemeinschaft immer homogener und unfähig zur Veränderung wird, also geistig verarmt.

Die Vererbungslehre und die moderne Genforschung bestätigen uns, dass eine Weiterentwicklung und Verbesserung nur mit hoher Diversität (also Unterschiedlichkeit) erreicht werden kann (Artenvielfalt, lernen von Andersdenkenden durch Austausch, …). Eine Gesellschaft, die sich neuen Herausforderungen nicht stellt, wird untergehen.

"Das haben wir immer schon so gemacht", ist die Legitimation für das Beibehalten einer Tradition. Traditionen sind gut und wichtig, denn sie stiften Identität und erinnern uns an unsere Herkunft - aber sie dürfen nicht zum Selbstzweck als Kasperltheater für den Tourismus oder als Vehikel für die Selbstinszenierung sowie die Selbsterhöhung gegenüber anderen werden. Als gläubiger Christ schaue ich auf Jesus, der selbst ein revolutionär moderner Mensch war und Veränderungen zum Wohl der Menschheit herbeiführte. Denken wir an sein Gleichnis mit den Talenten. Jene, die sich vor Veränderung fürchten vergraben sie, damit sie das wenige, was sie haben, nicht verlieren. Wie modern diese Geschichte doch ist, wenn wir nur richtig darüber nachdenken.

Alles was anders ist, verursacht vielen Menschen Angst; daher wird dies bekämpft, indem man zum Beispiel zwischen eingesessenen Familien und den Zugezogenen oder jenen die einfach nur anders sind usw. differenziert. All jene, die sich unterordnen und anpassen, haben die Chance dazuzugehören. Das ist schon lange nicht mehr zeitgemäß, denn es werden dadurch uralte Mechanismen in Gang gesetzt, die zur Kreuzigung Christi, zur Christenverfolgung, zur Hexenverbrennung, zum Holocaust, zum Genozid an den Indianern, Armeniern sowie Mobbing in Schulen, Hasspostings, Fake News etc. geführt haben. Es macht mich wirklich traurig zu erleben, dass diese Verhaltensweisen der Angst, welche Hass schürt, tagtäglich vor unseren Haustüren zu erleben sind. Ich denke da an die mahnenden Worte Jesu: "Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen". Die Menschheit hat so viel Gutes hervorgebracht - nutzen wir unsere ganze kreative Kraft für die Verbesserung des Miteinanders.

Der letzte Wahlkampf oder das britische Parlament (Brexit) haben uns leider kein gutes Sittenbild als Abbild unserer Gesellschaft gezeigt. Aber nicht nur die Politiker und Persönlichkeiten, sondern auch wir alle sollen ein besseres und verantwortungsbewusstes Vorbild für unsere Kinder werden, damit wir einst eine bessere Welt hinterlassen.


Dipl.-Ing. Dipl.-Päd. Michael Pichler, 5101 Bergheim

Aufgerufen am 20.01.2022 um 06:27 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/ist-die-gesellschaft-am-ende-78032620

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