Leserbrief

Ist nur noch Geld die einzige Kategorie, die unsere Gesellschaft interessiert?

Zum Artikel: "Brunnen lässt die Wogen hochgehen", SN Lokalteil v. 18. 7.:
Die geplante Neugestaltung des Kajetanerplatzes, welche die Brunnenplastik auf einem niedrigen Betonkranz abgestellt vorsieht, ist in höchstem Maße peinlich und skandalös für die Altstadt von Salzburg, einer Stadt, die ein weltweit bedeutendes Gesamtwerk aus Architektur und plastischen Werken außergewöhnlicher Qualität repräsentiert.
Die bekrönende Figur auf dem Brunnen hat die Salzburger Bildhauerin und Malerin Trude Diener in den 1950-er Jahren für einen hohen Sockel und auf Fernsicht konzipiert. Das fröhliche Spiel von der auf der Säule thronenden menschlichen Figur mit den wasserspeienden Fischen am Schaft und den sich ins Becken ergießenden Wasserstrahlen ist ungemein poetisch. Die visuelle Isolierung der gegossenen Plastiken am Steinbau fokussiert den Blick auf die Figuren, sodass mit einer präzisen künstlerischen Grundhaltung und wenig Wasser ein eindrucksvoller Effekt entsteht.
Übrigens: Es handelt sich um Plastiken und nicht um Skulpturen, weil diese nicht "skulptiert", nicht durch Behauen entstanden sind.
Zur Bedeutung des Brunnens, "der übrigens nicht denkmalgeschützt sei": Dürfen in Österreich nur denkmalgeschützte Objekte die aktuell weit verbreitete Zerstörungswut überleben? Dann armes Österreich! Nicht vorhandener Denkmalschutz darf nicht als Freibrief für die Zerstörung eines kleinen und urbanen Kunstwerkes verstanden werden!
Über Jahrhunderte war Architektur die Mutter der bildenden Künste. Bildhauerei und Malerei bereicherten ihre Werke und unterstrichen deren Bedeutung. Die Künstler dieser drei Disziplinen verband das Gefühl für gemeinsames schöpferisches Tun und sie beachteten die Gesetze der menschlichen Wahrnehmung. Dieses fruchtbringende Zusammenwirken ist in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen. Brauchen sich Architekten nicht länger den Herausforderungen von auf uns gekommener Kultur zu stellen? Dürfen sie - und die sie beauftragenden Personen - stattdessen ihre "autonome Kreativität" ausleben? Wer beachtet die Kunstwerken innenwohnende Würde? Haben wir vielleicht ein Bildungsproblem?
Diese prinzipiellen Fragen sind angesichts der Vorgänge um das kleine Brunnenkunstwerk auf dem Kajetanerplatz in Salzburg zu stellen. Die planenden Architekten und die für den gebotenen sparsamen Einsatz öffentlicher Mittel verantwortliche Politikerin agieren anscheinend unbeschwert.
Ist nur noch Geld die einzige Kategorie, die unsere Gesellschaft interessiert? Wie viel kostet den Steuerzahler die ideologisch betriebene "Neugestaltung" des Brunnens?

Dr. techn. Bruno Maldoner, akademischer Bildhauer, Wien

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