Leserbrief

Jesu Geburtsgeschichte als Glaubensaussage

Ich muss dem versierten Theologen Josef Bruckmoser beipflichten.
Als junge Studentin der Religionspädagogik bin ich an der Universität Wien mit der historisch-kritischen Exegese (Bibelauslegung) in Berührung gekommen, die damals selbstverständlich gelehrt wurde. Diese zeigt auf, unter welchen Bedingungen ein biblischer Text entstanden ist. Die Bibel ist ein Glaubensbuch, kein historischer Bericht. Auch die Welt wurde nicht in sieben Tagen erschaffen, wie wir wissen. Trotzdem sind die Schöpfungsberichte nicht "falsch", sie haben die tiefe Aussage, dass Gottes Schöpfung und wir Menschen gut sind, dass wir die Erde schützen und behüten sollen.
Ähnlich ist es mit der Geburtsgeschichte Jesu. Sie wurde von Lukas nach Betlehem verlegt, da Jesus - nach jüdischer Tradition - als Messias der Nachkomme Davids sein muss und Stadt Davids ist Betlehem. Historisch ist keine Volkszählung zur damaligen Zeit belegt.
Auch wenn Jesus historisch in Nazaret geboren wäre, entfaltet die Geburtsgeschichte für mich eine wunderbare Kraft als Glaubensaussage: Jesus ist der Retter, ein anderer König als der mächtige Kaiser Augustus, ein König der im Stall geboren wird, der die Niedrigen erhöht und sich allen Menschen (u.a. armen Hirten und Sterndeutern aus der Fremde) zuwendet.
In diesem Sinne ist die Geschichte wahr und Jesus für mich der Sohn Gottes, er zeigt uns vielfältig die Liebe Gottes zu uns Menschen. Auch wenn er in Nazaret geboren wäre…..
Literaturtipp: Martin Koschorke, Jesus war nie in Betlehem.


Mag. Agnes Widauer, 1210 Wien

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