Leserbrief

Junge Soldaten haben keine Wahl

Als Mutter zweier Söhne im besten "Kanonenfutter-Alter" zwischen 20 und 25 Jahren erschreckt mich immer wieder die grausame Unterscheidung von Zivilisten und Soldaten in Kriegsberichten, die jungen Männern jede Gleichwürdigkeit abspricht.
Warum sind zivile Opfer schlimmer? Junge Männer in Russland und der Ukraine haben keine echte Wahl zwischen Wehr- und Zivildienst, sie müssen einrücken, sie sind daher in meinen Augen Zwangsarbeiter, die im Unterschied zu Frauen, Kindern und Alten nicht einmal flüchten können, aber zerstören, verletzen und gar töten müssen. Warum bekommt ihr Leben auch in unseren Medien maximal den Stellenwert von Munition, die eingesetzt und "verbraucht" wird? Für mich bedeutet jede Meldung über eine weitere Bewaffnung ukrainischer Männer, dass noch mehr junge russische Burschen im Alter meiner Söhne erschossen oder verwundet, auf alle Fälle schwer traumatisiert werden. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich weiß keinen Ausweg und keine Alternative zu bewaffneter Verteidigung, aber ich leide schrecklich im Gedanken an die jungen Burschen, von denen es vielen so gehen wird, wie es meinen Söhnen in der Situation gehen würde (Mein Gott, bin ich dankbar für dieses kleine Wort im Konjunktiv!). Mich regt dann schrecklich auf, dass es im Grauen eine Abstufung von Menschenleben gibt. Ich weiß schon, Krieg bedeutet immer Hochsaison für Verbrechen aller Art, Sadismus, Grausamkeit und Folter - meist von Soldaten verübt. Aber allein die Zerstörung der heilen Psyche so vieler jungen Burschen wäre Grund genug, nie einen Krieg zu beginnen, da halte ich Beteuerungen nicht mehr aus, dass eh "nur" versucht wird, militärische Ziele zu treffen, und das Entsetzung "nur" dann groß ist, wenn es doch zivile Opfer gibt.

Mag.a Birgit Nell, 4451 Garsten

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