Leserbrief

Kassen- oder Wahlarzt - eine Zweiklassenmedizin

Zu den in den SN am 18. 12. im Artikel "Schwangere sucht Arzt" geschilderten bedauerlichen Umständen möchte ich Folgendes anfügen:
18 Jahre lang habe ich selbst als Kassenarzt für Psychiatrie und Neurologie in Wien gearbeitet. Dabei hatte ich mehrere Burnout-Zustände, viele Tage, an denen ich völlig erschöpft nach Hause gekommen bin. Ich war mit ungeduldigen, fordernden, uneinsichtigen Patienten konfrontiert, die sich zum Beispiel aufgeregt haben, wenn sie in einer Kassenpraxis nicht zum vorgesehenen Termin drankommen. Ich war in ständiger Zeitnot, hatte oft das Gefühl, den anwesenden Patienten nicht gerecht werden zu können und gleichzeitig die Geduld der draußen Wartenden zu lang zu strapazieren. Trostpflaster war allein der gute Verdienst, der im Kassenbereich immer noch mehr als zufriedenstellend ist.
Seit einem Dreivierteljahr betreibe ich nun eine Wahlarztpraxis. Der Verdienst ist deutlich weniger, aber endlich habe ich genug Zeit für meine Patienten. Ich befinde mich in einem gut machbaren, komfortablen Zeitschema, Erschöpfungszeichen sind seitdem keine mehr aufgetreten. Ich mache aber täglich die Erfahrung, dass Patienten, die nach einem Termin fragen, enttäuscht auflegen, wenn ich ihnen mitteile, dass sie selbst etwas zahlen müssen.
Faktum ist, dass wir seit Jahren in Österreich mit einer Zweiklassenmedizin leben, die nur von politischer Seite immer wieder bestritten wird. Grund dafür ist ein veraltetes Finanzierungssystem und ein Kassensystem, das ebenfalls längst nicht mehr zeitgemäß ist. Unter den Umständen grenzt es fast an Dummheit oder Masochismus, sich für eine der Kassenstellen zu entscheiden, deren Zahl künstlich niedrig gehalten wird. Solang die Politik nicht bereit ist, den Kassensektor auszubauen, wird sich an diesen Umständen nichts ändern. Aber im Lauf der Jahre habe ich, weil frustran, aufgehört, darüber nachzudenken.

Dr. Wolfgang Jezek, 1010 Wien

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