Leserbrief

(K)ein Wort des Widerstands

Die Erklärung des Rektors, die virtuelle Lehre sei wenig problematisch ebenso wie die Onlineprüfungsmodalitäten, vermittelt das Gefühl einer starken Entfremdung seitens des Rektorats gegenüber der Universität. Die Vorteile der Präsenzlehre sind zu viele, um sie hier aufzuzählen - deshalb anders: Wenn der Präsenzunterricht so wenig Wert hat, könnte man genauso gut das Studieren aufhören und nur noch lesen und YouTube-Videos schauen, um das gleiche Bildungsniveau zu erreichen? Besonders hoffnungslos erscheint es, wenn der Senat die Mitarbeiter/-innen und
Studierenden für den offenen Ausdruck ihrer Meinung missbilligt, mit der Erklärung, dass dies ein schlechtes Bild auf die Universität werfe. Was wirklich ein schlechtes Bild abzeichnet, ist, die Stimmen eben jener zum Schweigen zu bringen, die die Universität ausmachen. Das konzipierte Bild des "Widerstands", den es zu unterdrücken gilt, erinnert immer mehr an eine "Star Wars Episode" (wobei unausgesprochen bleiben soll, welche Rolle dann das Rektorat hätte) und kaum mehr an das, was eine Universität sein sollte: ein Ort der Bildung, des Austausches, des kritischen und reflektierten Denkens.

Von den angekündigten 40% der zur Kürzung erwogenen Studienassistenzstellen bedanken sich 60% der Studienassistent/-innen, die nun tatsächlich ihren Job verloren haben, für die Ehrlichkeit. Die beschwichtigenden Worte des Rektorats, es handle sich um eine Einschränkung auf kurze Zeit, sorgt dafür, dass auch der Aufruhr nur kurz angehalten hat, mit dem Ausblick, die Aussagen seien verlässlich und die universitären Entscheidungen transparent. Aber die Authentizität und Aufrichtigkeit der Universität verhält sich im ständigen Widerspruch zu sich selbst. Es scheint wichtiger zu sein, die "Philosophie des Unternehmens" nach außen hin glänzen zu lassen, während die Philosophie, die innerhalb der Universität gelehrt wird, verdrängt wird. Nun befinden wir uns an dem Punkt, wo Finanzen wichtiger sind als Finanzwissenschaft, Politik eine größere Rolle spielt als Politikwissenschaft und es dringlicher scheint, Geschichte zu schreiben als Geschichte zu lehren. Nun sind wir an dem Punkt, wo wir uns fragen müssen, was denn eigentlich noch von unserer Universität bleibt.

Wie sinnvoll kann es sein, die Universität wettkampftauglicher zu machen, wenn dabei jene Förderungen für Studierende, die Wissenschaft kennenzulernen, gestrichen werden. Wer bleibt, um in den Wettkampf zu ziehen?

Studierende müssen ihre Zukunft zu einem großen Teil auf einer universitären Basis
aufbauen - wird dieses Fundament porös, bedroht das viele Existenzen, und für das
Rektorat wird es unmöglich, seinen Vorgänger erneut zur Rechenschaft zu ziehen. Es wird nicht mehr im Interesse der Studierenden entschieden, geschweige denn in dem der Mitarbeiter/-innen, wenn der Lockdown genutzt wird, um still und heimlich Änderungen zu planen, die zwar in euphemistischer Umschreibung dargestellt werden, aber pandemischer Auswirkung sind. Die Digitalisierung ist ein gutes Hilfsmittel für die Wissenschaft, kann und darf diese aber nicht verdrängen. Mir ist bewusst, dass nicht jeder dasselbe Verständnis für und von bestimmten Studiengängen hat. Manche halten das Studium der Germanistik vielleicht für eine Art Buchclub, verstehen unter Philosophie studieren, Kaffeekränzchen mit Gesprächen über Gott und die Welt, finden im Studium der Slawistik dasselbe wie im Studium der Romanistik, nur halt anders geschrieben, und empfinden die Beschäftigung mit Latein und der Altertumswissenschaft als ein "Leben in der (toten) Vergangenheit". Das Verständnis für diese Studiengänge, diese "kleinen" Fachbereiche, ist nicht allseits da und darf auch nicht gefordert werden, aber seitens des Rektorats muss ich es fordern. (Möglicherweise gehe ich das Ganze hier falsch an, sollte mich eher Zitaten aus einschlägiger Fachlektüre oder aus "Wer die Nachtigall stört" bedienen, um dem Geschmack des Rektorats zu entsprechen und gehört zu werden. Beides liegt mir nicht, daher liegt meine neue Hoffnung auf dem Erwachen der Macht der universitären Ritter, die sich gegen die dunklen Bedrohungen kritisch und reflektiert aufstellen.)

Carolina Mairinger, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 09.08.2022 um 05:53 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/kein-wort-des-widerstands-97311160

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