Leserbrief

Kirche in der Corona-Krise

Ich darf Ihnen schildern, wie ich als Gläubige und als Pfarrgemeinderätin in der gegenwärtigen Krise Kirche wahrnehme. Ab 15. Mai dürfen wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden. Die Auflagen sind jedoch wahrlich keine Erleichterungen, da in jeder Pfarre durch die 20-Quadratmeter-Regelung ein Großteil der Gottesdienstbesucher nach Hause geschickt werden muss. Das ist kein hoffnungsvoller Anfang!

Jedes Mal beim Einkaufen frage ich mich gegenwärtig, warum Einkaufen gefährlicher sein soll als die Feier von Gottesdiensten? Ich frage mich, wie Friseure/Masseure/Fußpfleger ihre Dienstleistungen mit Abstand anbieten werden können? Ich frage mich, warum Geschäfte bereits seit 14. April geöffnet haben dürfen. Die Menschen sind beim Einkaufen längst nicht so diszipliniert wie bei einem Gottesdienst und ich halte mich in einem Lebensmittelgeschäft gegenwärtig in etwa gleich lang auf wie in der Kirche für die Feier einer Hl. Messe. Der Empfang der heiligen Kommunion ist anscheinend "gefährlicher" als die Übergabe von Geld oder Waren. Oder hat die Wirtschaft eine effektivere Interessensvertretung als die Kirche?

Als Mutter von vier Schulkindern habe ich auch zudem den Eindruck gewonnen, dass die Auflagen für den Schulbetrieb nicht dieselben sind wie in der Kirche. Anscheinend ist das Infektionsrisiko bei Lehrern und Kindern geringer, das disziplinierte Abstandhalten von Kindern gelingt leichter. Oder ist der Druck durch die Eltern größer als durch die Gläubigen?
In der Kirche fehlt jetzt das Wesentliche. "Glaube/Kirche/Gebet" haben es nicht geschafft, als Punkt 5 unter die Ausnahmen für die Ausgangsbeschränkungen aufgenommen zu werden. Wir leiden alle unter den Einschränkungen durch die Krise. Kirche "lebt" für mich durch die physische Anwesenheit aller Beteiligter. Das Feiern der Hl. Messe als Höhepunkt und Quelle des christlichen Lebens kann meiner Meinung nach auf Dauer nur "live" und durch die Regelmäßigkeit Frucht bringen. Mit der Empfehlung, "geistig zu kommunizieren" kann ich nichts anfangen, da sich für mich Glaube eben nicht nur im Kopf abspielt, sondern ich ein Sakrament spüren will. Kirche ist Beziehung und die lässt sich virtuell halt einfach nur ziemlich beschränkt leben. Das alles ist ein Mangel, unter dem ich sehr leide!

Ich wünsche mir, dass dieser Mangel auch von der Kirche selbst wahr- und ernstgenommen wird. Wenn ein Kind mit einem aufgeschlagenen Knie zu mir kommt, dann sage ich auch nicht: "Halb so schlimm. Ein bisschen blasen und dann ist es wieder gut." Der Mangel/Schmerz darf auch von der Kirche selbst nicht bagatellisiert werden, das macht es doch nur schlimmer.

Barbara Taferner, 5585 Unternberg

Aufgerufen am 03.12.2020 um 06:41 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/kirche-in-der-corona-krise-86850520

Schlagzeilen