Leserbrief

Klimarettung kann nicht gelingen, weil ...

… weil in der derzeitigen Politik die Parteien sich als Konkurrenten und sogar als Gegner verstehen (müssen), in Wahlkampfzeiten ganz besonders. Und wenn zwei solche Gegner eine Koalition bilden, müssen sie "gegeneinander kooperieren" und können jedes Vorhaben gegen alle anderen durchsetzen. In einem solchen System ist es nicht möglich, dass sie miteinander die bestmöglichen Lösungen finden, die auch in der Gesamtbevölkerung möglichst große Zustimmung finden.

… weil die Wirtschaft mit ihrem Dogma des Wirtschaftswachstums immer mehr produzieren muss; damit werden immer mehr (endliche) Ressourcen unwiederbringlich verbraucht, viele Produkte haben keinen Sinn und landen von vornherein im (Rest)Müll. Der große Finanzgewinn daraus landet letztlich bei einem kleinen Teil der Weltbevölkerung, und dadurch entsteht unglaubliche Ungerechtigkeit.

... weil die Finanzwirtschaft das Dogma vertritt, dass sich Geld vermehren lässt. Aber: ein großer Teil der Weltbevölkerung muss zusammenhelfen, dass die "Finanzgewinne" der Superreichen finanziert werden können - mit allen schrecklichen Folgen.

… weil das liberale Wirtschaftssystem die Gesellschaft zu einer uniformen Konsumgesellschaft geführt hat (Patrick J. Deneen im SN-Interview vom 5. 8. 2019): Z. B. eine uniforme Modefarbe für die nächste Saison in unendlich vielen Varianten - "die Wirtschaft" freut sich.

Dazu kommt, dass diese "Mächte" in einem erschreckenden und besorgniserregenden Ausmaß voneinander abhängig sind. Wie würde die Wirtschaft aufschreien und die Konsumgesellschaft reagieren, wenn die Politik konsequent klimarettende Maßnahmen ergreifen würde? Wie wären die Reaktionen, wenn die Wirtschaft nur mehr das und so produzieren würde, was wirklich dem gesunden Wohl der gesamten Weltbevölkerung dienen würde; und auf sämtliche Werbung für klimaschädliche Produkte und Aktivitäten verzichten würde? Und was wäre, wenn die Gesellschaft tatsächlich auf den klimaschädigenden Konsum verzichten würde - was wäre dann mit der Wirtschaft?

"Fridays for future" und engagierte Wissenschaftler stehen diesen "Mächten" gegenüber. Nur eine tiefgehende Analyse dieser Mächte und neue Wege in Politik und Wirtschaft können das Klima retten. Das Bemühen einzelner Menschen bis zu großen Initiativen zugunsten "Mutter Erde" sind enorm wichtig, aber ohne grundlegenden Systemwandel in Politik und Wirtschaft wird die Welt nicht gerettet werden können.

Gott sei Dank gibt es viele tolle Ansätze. Für mich ist das "Systemische Konsensieren" so ein Lichtblick. Es geht um das Entwickeln von möglichst vielen Lösungsvorschlägen und dann das Finden einer Lösung, die möglichst große Akzeptanz/Zustimmung findet - anwendbar in Politik, Wirtschaft, privat. Ich denke an die "Gemeinwohl-Ökonomie". Erfolg eines Unternehmens wird nicht mehr am Finanzgewinn gemessen, sondern am Beitrag für die Allgemeinheit. Belohnt wird und Vorteile hat, wer mehr für das "Gemeinwohl" beiträgt. Heute kann sich kein Unternehmen wirkliche Klimainitiativen leisten, die Konkurrenz würde diesen Betrieb verdrängen.

Bei beiden Ansätzen entsteht systembedingt eine Atmosphäre der Kooperation, gegenseitige Achtung usw. - das sind doch die Werte, nach denen sich jeder Mensch so sehnt. Aus der uniformen, konkurrierenden und egoistischen Konsumgesellschaft könnte eine plurale und zufriedene Gesellschaft werden.

Matthias Fuchs, 5082 Grödig

Aufgerufen am 19.10.2019 um 07:21 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/klimarettung-kann-nicht-gelingen-weil-75844801

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