Leserbrief

Klimasünder Landwirtschaft?

"Das sind doch die größten Klimasünder!" Das ist einer von unzähligen Kommentaren rund um die mediale Berichterstattung zum kürzlich präsentierten IPCC-Sonderbericht, welche mich fassungslos dastehen lassen. Landwirtschaft als Zerstörer unserer Lebensgrundlage!? Hier ein Faktencheck für Österreich:

Während die THG-Emissionen des Verkehrssektors in Österreich seit dem Kyoto-Basisjahr 1990 um unglaubliche 86,7% (auf 23,9 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent) gestiegen sind, sanken jene der Landwirtschaft um 10% (auf 8,2 Mio. Tonnen).

Im selben Zeitraum hat die Bevölkerung Österreichs, welche rund um die Uhr mit hochwertigen, umweltfreundlich und dabei noch möglichst kostengünstig produzierten Lebensmitteln versorgt werden will, um 15% zugenommen, während 42% der landwirtschaftlichen Betriebe ihre Hoftore aufgrund mangelnder finanzieller Perspektiven für immer schließen mussten.

Die Emissionszahlen zeigen, dass wir Landwirte mit nachhaltigen und umweltschonenden Bewirtschaftungsmethoden etwas gegen den Klimawandel und für die Artenvielfalt unternehmen können und auch wollen. Die Leistungen, welche mit der Erstellung dieser öffentlichen Güter einhergehen, besitzen jedoch (noch) keinen Markt, welcher die getätigten Leistungen auch tatsächlich honoriert. Wir Landwirte sind seit Jahren mit rückläufigen Leistungsabgeltungen seitens der gemeinsamen Agrarpolitik (knapp 70% des EU-Budgets im Jahr 1980 gegenüber 25% des EU-Budgets im Jahr 2019) und abnehmenden Haushaltsausgaben für Lebensmittel (24% 1980 gegenüber 9,9% 2017) konfrontiert, auf denen das Einkommen unserer Betriebe fußt. Von den Auswirkungen des Klimawandels, der globalen Handelsabkommen und eines in unserer Branche nicht vorhandenen Inflationsausgleiches will ich hier erst gar nicht sprechen. Dennoch wird verlangt, dass wir die Lebensmittel noch kostengünstiger produzieren, die Artenvielfalt aktiv fördern und den Klimawandel mit voller Energie bekämpfen müssen, ohne vorzuschlagen, wer für den damit verbundenen Arbeitsaufwand finanziell aufkommen wird.

Dass 97% der österreichischen Bevölkerung nun 3% der Bevölkerung weismachen wollen, wie sie ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften haben, während sie weiterhin mit Billigflieger verreisen, immer größere Autos kaufen und stets das neueste Smartphone haben müssen, finde ich auf Basis dieser Fakten nun doch etwas vermessen.

Thomas Weber, 9412 St. Margarethen

Aufgerufen am 13.11.2019 um 11:59 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/klimasuender-landwirtschaft-74779789

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