Leserbrief

Konflikte zwischen Menschen

In seinem Leserbrief (SN, 27.1.) beschreibt Graß die fremdenfeindlichen Bedingungen, "die den Begriff der ,Kulturkonflikte' so suspekt macht". Leider trifft er das Hauptproblem nicht. Der Begriff "Kulturkonflikte" ist nicht suspekt - er ist falsch! Kulturen haben keine Konflikte. Es sind einzelne Menschen, die Konflikte miteinander erfahren, es sei denn, dass diese von Regierungen (bzw. Institutionen) instrumentalisiert werden.
Wer die Menschen sind, hängt von der politisch, religiös oder anthropologisch, usw., motivierten Sichtweise der Betrachter ab. Und besonders vom Machtanspruch, Identitäten anderer - ohne deren Einbeziehung - zu definieren. Sind die in einem Konflikt Involvierten Menschen verschiedener kultureller Prägungen? Bekanntlich wird jeder Mensch vielfältig geprägt. Wie beschreiben die Akteure sich selbst? Besteht eine Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdzuschreibung? Versucht eine politische bzw. religiöse Gesinnung, Menschen auf ein beliebiges Konstrukt zu reduzieren: der Muslim, die Jüdin, die Migranten? Genau dieser Reduktionismus ist konflikttreibend. Eine Ombudsstelle für Konflikte zwischen Menschen verschiedener kultureller Prägungen könnte dann brauchbar sein, wenn das Recht auf Selbstdefinition aller Beteiligten und Betroffenen respektiert wird, anstatt Menschen in die Gruppe der "Eigenen" oder der "Anderen" zu zwingen.

Dr. Hania Fedorowicz, Direktorin a.D., Europäisches Institut für Gemeinschaftsbasierende Konfliktlösung, 5020 Salzburg

Aufgerufen am 29.10.2020 um 04:05 auf https://www.sn.at/leserforum/leserbrief/konflikte-zwischen-menschen-83085541

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