Leserbrief

Leistungsdruck an den Schulen

Der Hinweis von Herrn Hopmann (SN v. 30. 7.) auf die soziale Kluft an den Schulen ist inhaltlich sicher berechtigt. Aber sein Vorschlag, deshalb den Leistungsdruck zu reduzieren, ist aus meiner Sicht falsch und gefährlich. Sozial benachteiligte Kinder kommen leider schon benachteiligt, weil mit geringerer semantischer Kompetenz ausgestattet, in die Schule.

Der Nobelpreisträger James Heckmann hat dargelegt, wie unterschiedlich breit der Wortschatz ist, den Kinder schon vor Schulbeginn je nach sozialer Schicht erwerben, die Soziologin Carina Altreiter hat unter Rückgriff auf das Habitus-Konzept von Bourdieu gezeigt, wie stark Klassenzugehörigkeit in der Jugend auch die Vorstellungen über die künftige Lebensgestaltung prägt. Die Liste an einschlägigen Analysen ließe sich beliebig verlängern.

Die Konsequenz kann doch nur sein, erstens allen Kindern zu zeigen, dass ihre Zukunft offen ist und von ihnen selbst gestaltet werden kann. Und zweitens kommt man doch nicht herum, ihnen beizubringen, dass dafür auch Leistung (und sogar, horribile dictu, Anstrengung) notwendig ist.

Den Leistungsdruck zu verringern, heißt nichts anderes, als die einen dort zu lassen, wo sie sind, und die anderen nach unten zu nivellieren. Damit stiehlt man allen Kindern die Chancen, die sie sonst hätten, und bereitet sie nicht auf ein Leben vor, in dem sie sich auch dann werden anstrengen müssen, wenn sie es nicht gelernt haben. Und so nebenbei reduziert man die Leistungsfähigkeit der zukünftig Beschäftigten und damit die Konkurrenzfähigkeit der österreichischen Wirtschaft, und das in einer Welt, die durch immer härteren Wettbewerb geprägt ist.

Der Hinweis auf den drohenden Verlust der gesellschaftlichen Koalitionsfähigkeit ist hier falsch am Platz. Dieses Problem wird seit langem, und das völlig zu recht, als Problem der Social Media und der durch kognitive Dissonanzen verstärkten sozialen Blasenbildung gesehen und diskutiert. Die Lösung, jeder müsse lernen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, ist seit Kant hinlänglich bekannt. Das sollten die Kinder lernen. Aber ihr künftiger Platz im Leben hängt auch davon ab, wie weit sie lernen, sich zu behaupten - und sich dafür anzustrengen. Am Schulsystem ist so manches zu verbessern, da hat Herr Hopmann schon recht. Aber wenn das zu Lasten des Leistungsgedankens geht, dann schadet man den Kindern auf Dauer nur, statt ihnen zu helfen.

Dr. Manfred Drennig, 1030 Wien

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